Dezember 2005

Science Talk «Biobanken - Biologische Proben und Personendaten im Fokus der Forschung»

Dienstag, 13. Dezember 2005, 19.00 bis 21.15 Uhr im Haus der Universität an der Schlösslistrasse 5 in Bern

  1. Biobanken in der Pharmaindustrie - heutige Verwendung und zukünftiges Potenzial
    PD Dr. med. Detlef Niese, Head External Relations, Clinical Development & Medical Affairs, Novartis Pharma AG, Basel
  2. Beispiel Krebsregister - die wachsende Bedeutung öffentlicher Biobanken
    Prof. Dr. med. Richard Herrmann, Chefarzt Klinik für Medizinische Onkologie, Universitätsspital Basel, Präsident Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für klinische Krebsforschung
  3. Gewebebanken in der Pathologie - zwischen Persönlichkeitsschutz und Forscherinteresse
    Prof. Dr. med. Stephan Dirnhofer, Abteilungsleiter Histopathologie, Institut für Pathologie, Universitätsspital Basel

1. Biobanken in der Pharmaindustrie - heutige Verwendung und zukünftiges Potenzial

PD Dr. med. Detlef Niese, Head External Relations
Clinical Development & Medical Affairs
Novartis Pharma AG
Lichtstrasse 35, WSJ-27.3.105
CH-4002 Basel
Tel.: ++41 (0)61 324 72 49
detlef.niese@novartis.com

Der Begriff "Biobank" wurde ursprünglich geprägt, um die riesigen, meist öffentlich zugänglichen Sammlungen menschlicher biologischer Proben wie Blut, Zellen, isolierte DNA oder RNA oder auch Gewebe zu beschreiben, wie sie im Rahmen grosser epidemiologischer Studien zur Erforschung des menschlichen Genoms angelegt wurden. Beispiele hierfür sind die Studien im Baltikum oder in Island. Auch jenseits solcher Grossprojekte sind Sammlungen gut charakterisierter menschlicher biologischer Materialien zunehmend eine zentrale Voraussetzung für Fortschritte in der biomedizinischen For­schung. Heute wird der Begriff "Biobank" zunehmend für jegliche Art von öffentlichen oder auch pri­vaten Sammlungen von menschlichen biologischen Proben und den dazugehörigen Daten (demogra­phische Daten, medizinische Daten, Behandlungsdaten, genetische Daten etc.) benutzt. Die Einrich­tung solcher Biobanken wird durch den zunehmenden Einsatz genetischer Technologien (sogenannte "Omics") in der Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente stark vorangetrieben. Solche Sammlungen sollen es erlauben, gezielte Forschung zu Fragen von Krankheitsentstehung, Krank­heitsmechanismen, Einflüssen von Umwelt, Ernährung, Lebensweise und genetischen Faktoren durchführen zu können.

Fig. 1 Die Analyse und die Variabilität der DNA
und ihrer Produkte spielt eine zunehmende
Rollen auch bei der Medikamentenentwicklung

Die Herstellung und Führung solcher Sammlungen wie auch der Einsatz von Materialien menschli­chen Ursprungs sind aber nicht nur eine grosse Chance für die Forschung, sondern führen auch zu­neh­mend zu Diskussionen über die Rechtmässigkeit solcher Forschung, den Schutz der Persönlich­keits­rechte der Probenspender und Fragen zum Datenschutz. Auch die Rechte der Probengeber in Bezug auf die Kenntnis der Ergebnisse der damit durchgeführten Forschung, eventuell gewährte Pa­tente und der nötige Umfang von Aufklärung und Einverständnis von Probegebern sind Gegenstand einer anhal­tenden Debatte. Da Forschungsergebnisse, die an Materialien aus Biobanken gewonnen wurden, auch zu kommerzialisierbaren Produkten führen können oder sollen, steht neben dem un­mittelbaren Schutz des Einzelnen auch die Frage auf dem Prüfstand, inwieweit die Rechte von Pro­bengebern eventuell im Wettbewerb mit kommerziellen Interessen von Unternehmen oder persönli­chen Interessen von Forschern stehen. Von besonderer Bedeutung sind hier die Anwendung des Prinzips des "informed consent" (insbesondere auch bei Probensammlungen, die für andere Zwecke als die Forschung angelegt wurden), Anonymisierung und Kodierung von Daten sowie die Information der Probengeber über eventuelle Forschungsergebnisse. Da viele der mit den Proben erhaltenen Forschungsergebnisse exploratorischen Charakter haben und die Forschungsergebnisse meist nicht klinisch validiert sind, ist die Relevanz für Diagnostik und Therapie von Krankheiten in der Regel nicht gesichert. Es gibt aber auch Befunde, die oft zufällig mit solchen Proben erhalten werden, z.B. Hin­weise auf genetisch bedingte Krankheiten oder Erkrankungsrisiken sowie Fragen zur Vaterschaft. Dies wirft im Zusammenhang mit der Information von Probengebern besondere Fragen auf wie das Recht auf Information, das Recht auf Nicht-Wissen und Fragen der Beratungspflicht und -kompetenz.

Die folgenden Prinzipien dienen als Richtschnur beim Einsatz von Biobanken zu Forschungszwecken in der pharmazeutischen Industrie:

  1. Zugang zu wohl definierten menschlichen biologischen Materialien ist eine unverzichtbare Voraus­setzung für den Fortschritt der medizinischen Forschung.
  2. Der Schutz der Autonomie und der Rechte der Spender biologischer Proben sowie volle Transpa­renz bezüglich des Umgangs mit den Proben müssen sichergestellt werden. Dies betrifft insbe­sondere Freiwilligkeit, Informed consent, Weitergabe von Proben und Daten sowie Umgang mit nicht validierten Forschungsergebnissen.
  3. Biologische Materialien und die mit ihnen verbundenen Informationen sind unwiederbringlich und einzigartig. Dies erfordert optimale Nutzung für die Forschung unter Wahrung der Spenderrechte.
  4. Forschung erfordert internationale Zusammenarbeit und daher global harmonisierte Leitlinien be­züg­lich Sammlung, Lagerung, Qualitätssicherung, Austausch - auch über Grenzen - und ethisch fundierter Handhabung.

 

Diese Prinzipien basieren auf der Grundlage, dass Forschung an menschlichen Materialien und damit verbundenen Gesundheits- und persönlichen Daten letztlich Forschung am Menschen ist. Sie muss daher entsprechend den ethischen Grundswerten der biomedizinischen Forschung am Menschen (Belmont Report 1976), den allgemeinen Grundlagen der "Good Clinical Practice" (ICH E6 und Dekla­ration von Hesinki) und den Datenschutzrichtlinien derOECD sowie der Europäischen Union durch­geführt werden. Während klare internationale und nationale rechtliche Regelungen nach wie vor lü­ckenhaft sind, wurden mehrere Richtlinien und Reports zum Persönlichkeitsschutz im Zusammenhang mit Biobanken erstellt, u.a. vom Nuffield Council for Bioethics, der Europäischen Gesellschaft für Humangenetik, der WHO und einem Expertengremium im Auftrag der Europäischen Kommission. Diese Richtlinien dienen heute in grossem Umfang als Leitlinien, haben aber auch zusammen mit einzelnen nationalen Gesetzgebungen zu Unsicherheiten geführt. Ein international harmonisierter rechtlicher Rahmen für die Errichtung, den Betrieb und die Nutzung von Biobanken ist daher unbe­dingt erforderlich.

2. Beispiel Krebsregister - die wachsende Bedeutung öffentlicher Biobanken

Prof. Richard Herrmann
Chefarzt der Klinik für Medizinische Onkologie
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
CH-4031 Basel
Tel.: ++41 (0)61 265 50 75
Fax: ++41(0)61 265 53 16
herrmannr@uhbs.ch

Im klassischen Krebsregistern werden Daten von Krebspatienten erfasst, welche uns Aufschluss geben können über Krebsepidemiologie, also, warum, wo, in welcher Häufigkeit, wann, welcher Krebs entsteht. Bei solider Forschung erlaubt dies, Massnahmen zur Verhütung von bestimmten Krebserkrankungen zu unternehmen. Damit wissen wir allerdings noch nicht, wie bereits entstandene Krebserkrankungen behandelt werden können.

Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass Krebserkrankungen per se heterogen sind. Krebserkrankungen unterscheiden sich in ihrem Verhalten, auch wenn sie unter dem Mikroskop gleich aussehen. Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs und Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Es gibt eine grosse Zahl von molekularen Unterschieden, die u.a. dafür verantwortlich sind, ob ein bestimmter Krebs auf eine spezifische Behandlung anspricht oder nicht. Einige dieser molekularen Marker sind bekannt und helfen uns eine massgeschneiderte Therapie auszuwählen. Viele Marker sind aber noch nicht bekannt.

Deshalb ist es sehr wichtig, dass besonders bei klinischen Studien mit Medikamenten Tumorgewebe eines jeden Patienten gesammelt und aufbewahrt wird. So kann geprüft werden, welcher Marker in Zukunft die Wirksamkeit oder die Unwirksamkeit eines Medikamentes vorhersagen kann. Damit kann nicht nur eine wirksamere Behandlung erreicht werden, sondern es kann vor allem vermieden werden, dass Patienten mit Substanzen behandelt werden, die ihnen nicht helfen und nur Nebenwirkungen und Kosten verursachen.

Die Einrichtung solcher Biobanken darf nicht an der Bürokratie scheitern. Die weit überwiegende Zahl der Patienten steht einer solchen Forschung sehr aufgeschlossen gegenüber und ist ohne Einschränkungen bereit, ihr Tumorgewebe zur Verfügung zu stellen. Falls im Einzelfall ein informed consent eingeholt werden müsste, haben wir grosse Bedenken, dass betroffene Patienten in der speziellen Situation, in der sie sich gerade befinden nach der Information über eine lebensbedrohliche Erkrankung und nach der Information über die Teilnahme an einer klinischen Studie, durch diese zusätzliche Information überfordert wären und sich von Information geradezu erschlagen vorkämen.

Wir fordern daher eine Widerspruchsregelung, welche begleitet sein muss von folgenden Massnahmen: Information der breiten Öffentlichkeit, Verhinderung von Nachteilen für den Einzelnen, Verhinderung von missbräuchlicher Verwendung von gewonnen Daten, Verhinderung der Kommerzialisierung von Einzelinformationen, Verhinderung der Patentierung von Daten, die mit Hilfe solcher Biobanken gewonnen werden etc. Für jede regulatorische oder organisatorische gesetzliche Regelung muss die Finanzierung implizit definiert werden.

3. Gewebebanken in der Pathologie - zwischen Persönlichkeitsschutz und Forscherinteresse

Prof. Dr. med. Stephan Dirnhofer
Abteilungsleiter Histopatholgie
Institut für Pathologie
Universität Basel
Schönbeinstrasse 40
CH 4031 Basel
Tel.: ++41 (0)61 265 27 89
Fax: ++41 (0)61 265 31 94
sdirnhofer@uhbs.ch

Biobanken sind Sammlungen von Proben aller menschlicher Körpersubstanzen (Nukleinsäuren beziehungsweiseDNA, Proteine, Körperflüssigkeiten wie Blutserum, Zellen, Gewebe, Organe), unabhängig wie diese Substanzen gelagert werden. Ein besonderes Merkmal von Biobanken ist die Verknüpfung mit personenbezogenen Daten, d.h. Informationen zum Alter, Geschlecht, Krankheitsgeschichte, demographische Daten, genetische Informationen etc. des Spenders. Dazu gehören aber nicht - wie oft fälschlicherweise angenommen - Name und Adresse des Spenders bzw. Patienten.

Weltweit findet die biomedizinische Forschung an menschlichem Gewebe sowohl aus diagnostischen, als auch wissenschaftlichen und kommerziellen Gründen ein enormes und zunehmendes Interesse. Diese Interessen sind zudem häufig eng miteinander verknüpft. Viele klinisch relevante Fragestellungen, insbesondere auf dem Feld der so genannten "Translationellen Forschung" (d.h. die Verbindung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung) können nur durch Zuhilfenahme dieser Gewebebanken geklärt werden. Aufgrund der Verknüpfung mit personenbezogenen Daten bestehen - zum Teil berechtigte - Ängste in der Bevölkerung bezüglich Persönlichkeitsschutz und Datensicherheit. Bis jetzt gibt es in der Schweiz keine gesetzliche Regelung unter welchen Bedingungen biologisches Material aus Biobanken für Forschungszwecke genutzt werden kann. Die grössten Biobanken in der Schweiz, und auch in Europa, "besitzen" zweifellos die Institute für Pathologie (Universitätsinstitute, kantonale Institute an Spitälern, Privatinstitute). Im Rahmen der so genannten Primärdiagnostik kommen täglich allein in der Schweiz weit über 1'000 neue Gewebeproben aus allen Körperregionen und Organen in diese Biobanken und damit in die Pathologie-Archive. Typischerweise wird nur ein kleiner Teil des chirurgisch beziehungsweise bioptisch entnommenen Gewebes für die Diagnose gebraucht. Der Rest stellt im Prinzip Überschussgewebe beziehungsweise Restgewebe dar, welches grundsätzlich sowohl für Lehre, Forschung, als auch Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung verwendet werden kann. Für diese bereits bestehenden Biobanken und Pathologie-Archive gibt es zurzeit keine einheitlichen rechtlichen Bestimmungen bezüglich der betrieblichen Organisation. Die Pathologen und die medizinisch-biologischen Forscher begrüssen daher Anstrengungen, welche klare Regelungen zum Umgang mit humanem Gewebe und Zellen anstreben und vorstellbare Missbräuche wie z.B. die Kommerzialisierung ohne Respekt vor Eigentumsrechten oder die diskutable Zurschaustellung von Präparaten verhindern. Der Wunsch der Gesellschaft nach rechtlich und ethisch verbindlichen Regeln ist zu respektieren. Diese Regeln müssen aber im Einklang stehen mit dem elementaren Bedürfnis der Kranken nach wissenschaftlichem Fortschritt und dem ebenfalls elementaren Drang und Auftrag der klinischen Forscher, Krankheitsprozesse nicht bloss indirekt durch Tiermodelle und Zelllinien, sondern direkt durch das Studium des kranken Gewebes aufzuklären. Es darf in dieser Diskussion auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass es sich beim zur Diskussion stehenden "Material" in Pathologie-Archiven beziehungsweise entsprechenden Biobanken um totes Gewebe und Zellen und nicht um belebte Organismen handelt. Totes Gewebe ist nach chirurgischer Entfernung nicht in gleicher Weise schützenswert wie dies Lebewesen sind. Bei verbindlichen Regeln zu Biobanken sollte zwischen der Nutzung von Gewebe im Rahmen von Dienstleistung, Lehre und Forschung differenziert werden. Forschung darf nicht mit Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle gleichgesetzt werden. Letztlich wird das Qualitätsniveau negativ beeinflusst, wenn geeignetes Kontrollgewebe nicht zur Verfügung steht. An dieser Stelle sei ausdrücklich festgehalten, dass eine regelmässige Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle eine Verpflichtung im Rahmen des Krankenversicherungsgesetzes darstellt. Für das Betreiben einer Biobank inklusive aller technischen Details einschliesslich der Erstellung des Regelwerks zur Verwendung der Gewebe/Zellen sollte eine Meldepflicht notwendig sein und eine Genehmigung der lokalen Ethik-Kommissionen vorliegen. Aufgrund des fehlenden Gefahrenpotentials für das Individuum halten wir aber eine Bewilligungspflicht für die Genehmigung von Einzelprojekten für Verwendungszwecke in Lehre, Qualitätssicherung und Forschung für nicht notwendig. Durch eine solche Regelung entsteht, ganz zu Schweigen von den finanziellen Aufwendungen in den Organisationen und Instituten, eine erhebliche Mehrarbeit sowohl für die Forscher als auch die Ethik-Kommissionen. Dies führt letztlich zu weniger und qualitativ minderwertiger Forschung.
Selbstverständlich ist eine individuelle Projektgenehmigung durch die Ethik-Kommission unabdingbar und sinnvoll aus Respekt vor dem Individuum bei Forschungsprojekten, bei welchen keine Verschlüsselung (Pseudonymisierung) der Daten möglich ist oder bei Forschungsprojekten, welche nicht nur am Überschussgewebe durchgeführt werden.

Eine generelle Aufklärung der Spender über die Verwendung von Gewebe für Lehre und Forschung ist erstrebenswert. Eine explizite Einwilligung für ein spezifisches Forschungs- oder Lehrprojekt ist aber klar abzulehnen. Vielmehr sollte die so genannte implizite Einwilligung (Generalkonsent) die Regel sein. Die Zustimmung auf nur ein spezifisches Forschungsprojekt ist forschungsfeindlich, sehr zeitaufwendig und deshalb praxisfern. Auch ist es ethisch unzulänglich und unzumutbar, wenn die Spender von Gewebe nachträglich und unter Umständen während Jahren mit ihrer Krankheit konfrontiert werden, um für neue Forschungsprojekte eine Einwilligung einzuholen.