Science Talk «Forschung an Primaten»

Dienstag, 4. Dezember 2007, 12.30 bis 14.45 Uhr Kultur-Casino, «Arvenstube», Herrengasse 25, 3011 Bern

  1. Warum Primatenversuche in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung unverzichtbar sind 
    Prof. Paul Herrling, Leiter Corporate Research, Novartis International AG, Basel
  2.  
  3. Von der Grundlagenforschung zur Medizin: Makaken als unersetzliche Tiermodelle für die zukünftige Behandlung von Rückenmarkverletzungen
    Prof. Eric M. Rouiller, président du Département de médecine, Institut de physiologie, Université de Fribourg
  4.  
  5. Der Begriff «Würde des Tieres» und die Problematik seiner Interpretation: Sinnvoller Tierschutz oder unverantwortbare Forschungsverhinderung?
    Prof. Alexandre Mauron, directeur de l'Institut d'éthique biomédicale, Centre médicale universitaire, Université de Genève

1. Warum Primatenversuche in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung unverzichtbar sind

Prof. Dr. Paul Herrling
Leiter Corporate Research
Novartis International AG
WSJ-200.204
Postfach
CH-4002 Basel
Tel.: ++41 (0)61 324 62 84
paul.herrling@novartis.com

Versuchstiere (oder nicht-humane Primaten) werden eingesetzt, um Erkrankungen an Tieren und Menschen zu erforschen, sowie mehr über deren kausale Zusammenhänge, Entwicklung und Infektiösität zu erfahren sowie therapeutische und präventive Strategien zu entwickeln.

Viele Erkrankungen führen zu komplexen und dynamischen Interaktionen zwischen molekularen, zellulären und organischen Systemen. Obwohl In-vitro-Experimente einen wichtigen Platz in der Forschung einnehmen, ist die Arbeit an Tiermodellen in einigen Fällen aufgrund der Interaktionen komplexer Prozesse trotzdem unverzichtbar. Die Tiere sollen gute Modelle darstellen und somit ist es von grosser Bedeutung, dass die pathophysiologischen Prozesse im Tierorganismus möglichst ähnlich denen im Menschen sind. Dies muss allerdings nicht automatisch gleichzusetzen sein mit dem gleichen Mass an Beschwerden. Im Vergleich zur verhältnismässig kurzen Dauer der Tierexperimente können durch die damit gewonnenen Erkenntnisse Heilung oder Linderung von lebenslangen Beschwerden vieler Menschen ermöglicht werden.

Wissenschaftliche Studien an nicht-humanen Primaten liefern einen entscheidenden Beitrag zur Erforschung der fundamentalen biologischen Prozesse bezüglich Krankheiten und spielen eine wichtige Rolle bei der Suche nach dem Verständnis des menschlichen Organismus. In der Pharma-Industrie ist man sich bewusst, dass der Einsatz von nicht-humanen Primaten in der biomedizinischen Forschung ein hochsensibles Thema ist und besonders sorgfältiger Behandlung bedarf.

Die derzeitige wissenschaftliche Forschung bietet (noch) keine Lösung, um den Einsatz von nicht-humanen Primaten in der biomedizinischen Forschung vollständig zu ersetzen. Jedoch konnte im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte, nicht zuletzt aufgrund der Etablierung des 3R-Konzeptes (Refine, Reduce, Replace), eine Vielzahl an Tierversuchen durch Alternativ-Methoden ersetzt werden.

Allerdings sind zur Entwicklung von neuen, sicheren Medikamenten nach wie vor einige Versuche an Primaten unverzichtbar. Dies betrifft insbesondere Massnahmen, welche zur Absicherung der Gesundheit des Menschen und im Rahmen der teilweise gesetzlich vorgeschriebenden toxikologischen Studien durchgeführt werden, als auch Entwicklungen z.B. in der Immunologie (z.B. Impfstoffe, Transplantation), der Onkologie und der Neurologie.

Nur aufgrund der sorgfältig durchgeführten Studien an Primaten konnte in vielen Fällen Menschen das Leben gerettet werden (z.B. Transplantation, Impfstoffentwicklung) bzw. ihre durch eine schwere Erkrankung stark eingeschränkte Lebensqualität verbessert werden (z.B. Parkinson, Alzheimer, HIV/AIDS). Mit Hilfe der Studien an Primaten wird das Risiko bei ersten klinischen Studien für die entsprechenden Patienten auf das Minimum reduziert, besonders im Fall von biologischen Präparaten (Antikörper), welche meist nur an nicht-humanen Primaten oder Menschen ihre Wirksamkeit zeigen. In der Praxis bedeutet dies, dass der Mensch ohne Studien an Primaten deren Platz einnimmt. Allen Beteiligten ist klar, dass sowohl die Zucht, die Haltung als auch die Durchführung der Studien nur gemäss existierender Richtlinien (CITES, Gesetze etc.) und nur unter hohen Standards und der Verantwortung der entsprechenden Spezialisten erfolgen sollte. Ebenso sollten die Entwicklungsmöglichkeiten und die Nutzung alternativer Methoden immer wieder erneut im Fokus stehen.

Von Internationalen Unternehmen, welche Produkte auch ausserhalb der EU zulassen, sind gesetzliche Vorgaben für das Testen der Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten einzuhalten. Ein Bann von Studien an nicht-humanen Primaten in der Schweiz oder der EU würde daher bedeuten, dass diese Studien in anderen Ländern unter für die Versuchstiere höchstwahrscheinlich ungünstigeren Bedingungen durchgeführt werden.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass solange noch keine adäquaten Alternativen für den Einsatz von nicht-humanen Primaten in verschiedenen Bereichen der biomedizinischen Forschung existieren, diese Studien unter hohen Standards von erfahrenem Personal in der Schweiz durchgeführt werden sollten.

 

2. Von der Grundlagenforschung zur Medizin: Makaken als unersetzliche Tiermodelle für die zukünftige Behandlung von Rückenmarkverletzungen

Prof. Dr. Eric M. Rouiller
Président du Département de médecine
Institut de physiologie
Université de Fribourg
Rue du Musée 5
CH-1700 Fribourg
Tel.: ++41 (0)26 300 86 09
eric.rouiller@unifr.ch

Eine Verletzung des Zentralnervensystems (zum Beispiel infolge eines Hirnschlags oder einer Rückenmarkverletzung) bringt für die betroffenen Patienten beträchtliche Einschränkungen mit sich. Das Zentralnervensystem verfügt zwar sogar bei einem Erwachsenen über eine gewisse Regenerationsfähigkeit. Diese ist jedoch sehr unvollständig und bewirkt keine wesentliche Wiederherstellung der verlorenen Funktionen. Einer der Gründe für diese sehr beschränkte Genesung liegt darin, dass verletzte Nervenfasern nicht nachwachsen und sie die Kontakte, die bei der Verletzung zerstört wurden, nicht wiederherstellen können. Wachstumshemmende Moleküle verunmöglichen im Zentralnervensystem eines Erwachsenen ein Nachwachsen von Nervenfasern.

Diese Beobachtung ist der Beginn einer langen Geschichte, die sich über mehr als 20 Jahre erstreckt: von einem in der Grundlagenforschung an Nervenzellkulturen erarbeiteten Konzept bis hin zu einem klinischen Anwendungsversuch bei Paraplegikern. In den 1980er-Jahren haben Professor Martin Schwab von der Universität Zürich und sein Team bei Nervenzellkulturen Faktoren (Moleküle) entdeckt, die das Wachstum der Nervenfasern (Axone) im Zentralnervensystem des Erwachsenen (Hirn und Rückenmark) hemmen. Einer dieser hemmenden Faktoren wurde «Nogo» («geht nicht») getauft. Mit anderen Worten: Das Vorkommen dieses Faktors im erwachsenen Zentralnervensystem verhindert das Nachwachsen der Nervenfasern und führt zu einem Wachstumsstopp. Die Abweseneheit von «Nogo» während der Entwicklung hingegen ermöglicht ein Wachstum von Nervenfasern. Der Hemmeffekt von «Nogo» beim Erwachsenen ist bei einer Verletzung des Zentralnervensystems verhängnisvoll, denn er verhindert eine Regeneration der Nervenfasern und somit die Heilung des Zentralnervensystems.

Nachdem bekannt war, was die Nervenfasern im Zentralnervensystem des Erwachsenen am Nachwachsen hindert ~ diese sogenannte nicht «permissive» Umgebung ~, hat Martin Schwab seine Forschungsarbeit am Tiermodell der Ratte (in den 1990er-Jahren) weitergeführt. Er versuchte dabei, verletzten Nervenfasern beim Erwachsenen die Wachstumsfähigkeit zurückzugeben. Dafür hat er einen Antikörper entwickelt, der «Nogo» neutralisiert, so dass die Nervenfasern wieder nachwachsen können. Die Tiere, die nach einer Rückenmarkverletzung mit diesem Antikörper behandelt wurden, zeigten eine bessere Regeneration der Nervenfasern im Vergleich zu den Tieren mit derselben Verletzung ohne Behandlung mit dem Antikörper «Anti-Nogo». Dieses erhöhte Wachstum der Nervenfasern wird von einer funktionellen (motorischen) Erholung begleitet, die bei den behandelten Tieren markant besser ist als bei den Kontrolltieren.

Diese Resultate weckten grosse Hoffnungen für die Behandlung von beispielsweise Paraplegikern. Doch in diesem Stadium wurde eine klinische Anwendung gebremst wegen möglicher (bei Nagetieren relativ schwer zu erkennennden) Nebenwirkungen und der Tatsache, dass das motorische System des Menschen sich in wesentlichen Punkten von dem der Ratte unterscheidet. Aus diesen Gründen wurde der direkte Übergang von der Ratte zum Menschen als zu riskant eingeschätzt. Eine Zwischenetappe am Modell eines nicht-humanen Primaten, einem Affen, galt für unverzichtbar.

Das Ziel der gegenwärtigen Forschungsarbeit (1999~2007) in Zusammenarbeit mit der Pharma-Industrie und Martin Schwab bestand darin, die «Anti-Nogo»-Strategie ~ das Zentralnervensystem wieder «permissiv» werden zu lassen, so dass das Wachstum von verletzten Nervenfasern ermöglicht wird ~ am Modell der Makaken zu testen. An dem menschennahen Tiermodell konnten wir in der Tat zeigen, dass durchtrennte Nervenfasern des Rückenmarks wieder wachsen können. Dies entspricht im Vergleich zu den nicht behandelten, verletzten Tieren einer signifikanten Verbesserung der Bewegungsfähigkeit. Diese Daten bestätigen deutlich die anfänglich an der Ratte beobachteten Resultate von Martin Schwab, ohne dass Nebenwirkungen auftraten, wie sie im Affenmodell entdeckt werden können. Dieses jüngste Resultat (2006 und 2007) hat den Weg zu den ersten klinischen Versuchen geebnet und eröffnet ebenfalls Perspektiven für die Behandlung von Hirnverletzungen.

Fazit: Das Modell des Affen stellt in gewissen Fällen wie diesem eine unverzichtbare Etappe für die klinische Umsetzung von grundlegenden Forschungsergebnissen dar. Hervorzuheben ist, dass den vorliegenden Experimenten an einer begrenzten Zahl von Affen (n=12) die fundierten Ergebnisse zugute gekommen sind, die zuvor an der Ratte gewonnen wurden. Weiter darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass die vorliegenden Experimente am Affen auch auf zahlreichen grundlegenden Beobachtungen beruhen, die bereits bei Affen gemacht und in der Literatur beschrieben worden sind. Die Grundlagenforschung und die angewandte (klinische) Forschung sind untrennbar und stellen ein Kontinuum dar, wie das hier mit dem schrittweisen Übergang von einem In-vitro-Modell zur klinischen Anwendung beim Menschen über die Tiermodelle der Ratte und des Affen gezeigt wurde.

Beim «3R»-Konzept («reduce», «refine» and «replace»), das auch bei nicht-humanen Primaten Anwendung findet, stellen wir fest, dass die Zahl der in der Schweiz für die Forschung jährlich eingesetzten Affen von 770 im Jahr 2000 auf 441 im Jahr 2006 gesunken ist («reduce»). Beim «refinement» tragen neue Technologien wie zum Beispiel bildgebende Verfahren zu einer Verminderung der Belastung bei den Tieren bei. An dieser Stelle muss angefügt werden, dass die Bedingungen der Tierhaltung in der Schweiz ausgezeichnet und im internationalen Vergleich sehr fortschrittlich sind. Und schliesslich werden beim «replacement», dem Ersatz von Tierversuchen, im Rahmen des Möglichen konstant Anstrengungen unternommen. Allerdings ist ein kürzlich in Grossbritannien veröffentlichter Bericht («Weatherall Report on the use of non-human primates in research», Dezember 2006) aufgrund einer sehr rigorosen Studie zum Schluss gekommen, dass Affen als Tiermodelle auf dem Gebiet der Neurowissenschaft (zum Beispiel bei der vorliegenden Untersuchung), der Gerontologie, der Fortpflanzungsbiologie und bei Infektionskrankheiten unersetzlich bleiben werden. Für die oft gemachten Vorschläge, Tiermodelle ganz durch Zellkulturen zu ersetzen, zeigt die vorliegende Untersuchung, dass der tatsächliche Weg gerade umgekehrt verläuft: Am Anfang steht eine Beobachtung an Zellen in vitro. Zur Beurteilung der Relevanz des ursprünglich erarbeiteten Konzepts muss dieses in der Folge an Tiermodellen (Nagetiere, danach im vorliegenden Fall Affen) am ganzen Organismus mit seiner Komplexität und unter den natürlichen physiologischen Bedingungen entwickelt und bestätigt werden.

 

3. Der Begriff «Würde des Tieres» und die Problematik seiner Interpretation: Sinnvoller Tierschutz oder unverantwortbare Forschungsverhinderung?

Prof. Alexandre Mauron
Directeur de Institut d'éthique biomédicale
Centre médicale universitaire
Université de Genève
Rue Michel-Servet 1
CH-1211 Genève 4
Tel.: ++41 (0)22 379 34 71
alexandre.mauron@medecine.unige.ch

Wenn man von der «Würde des Tieres» spricht, so hat das Konzept der Würde weder die gleiche Bedeutung noch die gleichen Auswirkungen wie bei der Menschenwürde. Die Menschenwürde ist das Fundament der wichtigsten Rechte der Person. Das heisst, dass diese Rechte nicht verhandelbar sind. So kann beispielsweise das Folterverbot nicht durch Geltendmachung der nationalen Sicherheit relativiert werden: Dies würde eine Güterabwägung implizieren, die die Menschenwürde und weitere Werte niedrigeren Ranges gegeneinander abwägt. Nun signalisiert aber die Idee der Menschenwürde, dass eine solche Güterabwägung nicht legitim ist. Im Gegensatz dazu lässt die Würde des Tieres eine Güterabwägung mit menschlichen Interessen (Nahrung, medizinische Forschung usw.) zu. Spricht man von der Würde des Tieres, heisst das, dass das Tier einen intrinsischen (inneren) Wert besitzt, der sich jedoch von dem des Menschen unterscheidet. Die Würde des Tieres respektieren bedeutet, ihm Lebensbedingungen ohne unnötige Qualen und unter Beachtung seines Wohlergehens zu bieten. Doch das heisst nicht, dass ihm vergleichbare Rechte wie die des Menschen, beispielsweise das Recht auf Leben, zugesprochen werden. Bei nicht-humanen Primaten ist diese Güterabwägung grundsätzlich dieselbe wie bei anderen Tieren, wobei natürlich Verhaltenseigenarten der betroffenen Spezies berücksichtigt werden.

1. Einleitung

Das Konzept der Würde ist komplex und taucht in unterschiedlichen Zusammenhängen auf: Menschenwürde, Würde des Tieres, Würde der Kreatur… Zudem ist die erhoffte Legitimierung dieses Konzepts sehr variantenreich. Sogar wenn man sich auf die Menschenwürde beschränkt, bemerkt man, wie vielfältig die Stärke und die Anwendungen dieses Begriffs sind. Ziel dieses kurzen Textes ist es, die Würde des Tieres in einem Kontinuum der Anwendungen des Würdebegriffs einzuordnen und dabei von den stichhaltigsten und indiskutablen Anwendungen, bis hin zu den kontroversesten zu gehen.

Die Würde ist am offensichtlichsten in der Ethik (und in juristischen Texten) verankert, die die Grundrechte der menschlichen Person behandelt. Je stärker man von dieser Interpretation der Würde abweicht, umso mehr betritt man ein Gebiet, das von konzeptuellen Unsicherheiten und philoso­phischen Kontroversen geprägt ist.

2. Die Menschenwürde als «negatives» Recht

Die Geltendmachung der Menschenwürde ist zuallererst ein Mittel, um sich gegen würdelose Behandlung zu wehren. So widersetzt sich die Menschenwürde mit aller Kraft gegen die Anwendung von Folter oder Todesstrafe. Die Europäische Menschenrechtskonvention legt fest (Art. 3): Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Zudem schafft das Zusatzprotokoll Nr. 6, Art. 1 die Todesstrafe ab. Der Tag, an dem die Vereinigten Staaten die Todesstrafe abschaffen werden, wird wahrscheinlich im Zeichen eines Verbots von «cruel and unusual punishments» stehen, wie dies bereits in der amerikanischen Verfassung (8. Verfassungs­zusatz) steht. Dieser Zusatz bringt eine ähnliche Idee zum Ausdruck: Gewisse Methoden im Umgang mit Menschen sind grundsätzlich würdelos.

3. Die Menschenwürde als Rechtsanspruch (entitlement)

Der Menschenwürde liegt auch das Recht auf ein notwendiges Minimum für Leben in Würde zu Grunde. Diese Anwendung des Begriffs der Würde findet sich in unserer Verfassung, insbesondere in Artikel 12: Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind.

Obwohl man diese Idee gerne mit den sozialen Rechten, die im 19. Jahrhundert aufkamen, in Verbindung bringt, ist die Grundidee doch viel älter und entspringt dem Geist der Aufklärung. Wie Adam Smith (dem man zu Unrecht kompromisslosen Liberalismus zuschreibt) sagte: «By necessaries I understand not only the commodities which are indispensably necessary for the support of life, but whatever the custom of the country renders it indecent for creditable people, even of the lowest order, to be without.» Mit anderen Worten: Das Beachten der Menschenwürde verpflichtet die Gemeinschaft nicht nur, sich um ein absolutes Existenzminimum zu kümmern, das zum biologischen Überleben benötigt wird, sondern auch um die nötigen Mittel für ein «anständiges» Leben. Diese Auffassung der Menschenwürde, der die schlichte Tatsache des Personseins zu Grunde liegt, unabhängig vom Status, den einem der Staat einräumt, ist weit verbreitet.

4. Der nicht verhandelbare Charakter der Würde

Die beiden oben genannten, indiskutablen Anwendungen lassen der Würde ihre ganze Bedeutung zukommen und zeigen, dass sie nicht verhandelbar, d. h. nicht gegen andere Werte austauschbar ist (Dieser absolute Charakter der Menschenwürde wird stark von der Philosophie Immanuel Kants inspiriert, und dieser Kant~sche Einfluss findet sich auch in den internationalen Menschenrechtstexten). So ist zum Beispiel eine Aufweichung des Folterverbots im Namen der nationalen Sicherheit nicht vereinbar mit diesem unverhandelbaren Charakter der Menschenwürde. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Die Würde symbolisiert die absolut wichtigsten Rechte der menschlichen Person und duldet keine Relativierung durch Güterabwägungen.

5. Die Würde und von ihr abgeleitete Bedeutungen

Immer öfter kommt es vor, dass die Würde in anderen Zusammenhängen als bisher erwähnt geltend gemacht wird. Ein klassisches, kontroverses Beispiel ist der Status des menschlichen Embryos. Denn gewisse, menschliche Embryonen betreffende Verbote werden typischerweise im Namen der Menschenwürde gerechtfertigt. Das geschieht beispielsweise in Artikel 119 der Bundesverfassung, in dem gewisse Praktiken der Fortpflanzungsmedizin, wie zum Beispiel das Klonen oder die Embryonen­spende, verboten werden. Andererseits ist klar, dass Embryo und Fötus nicht absolut geschützt sind, wie dies das Konzept der Würde von Personen im engeren Sinn vorsieht. Die Schweizer Rechtsordnung gestattet zum Beispiel den Schwangerschaftsabbruch oder die Forschung an embryonalen Stammzellen. Das heisst, dass das Konzept der Würde, das hier zum Tragen kommt, nicht dem Konzept für Personen entspricht und dass es beispielsweise kein bedingungsloses Recht auf Leben impliziert.

Das Beispiel des menschlichen Embryos offenbart die Existenz eines zweiten Konzepts der Würde ~ wir nennen es hier «Würdebis» ~, das den inneren Wert einer bestimmten Entität (in diesem Fall des Embryos) anerkennt, aber nicht über alle Implikationen der Menschenwürde im engeren und absoluten Sinn verfügt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die auf den Embryo angewandte Menschenwürde eine Güterabwägung gestattet, die den Respekt gegenüber dem Embryo gegen andere Werte wie die Autonomie der Frau, das Interesse der Forschung, das Interesse der zukünftigen Kranken usw. abwägt.

6. Die Würde des Tieres

Das Konzept der Würde des Tieres kann nach dieser «Würdebis» interpretiert werden: Das Tier hat einen intrinsischen Wert, der aber kein Recht auf Leben impliziert und eine legitime Güterabwägung mit den menschlichen Interessen zulässt: Nahrung, medizinische Forschung usw. In einer konsequentialistischen ethischen Perspektive scheint es zumutbar, den intrinsischen Wert eines Tieres auf einer wahrnehmbaren Tatsache abzustützen, nämlich, dass das Tier Empfindungen hat. Auf dieser Grundlage ist es plausibel, ihm Interessenzuzusprechen. Mit anderen Worten: Das Konzept der Würde des Tieres kann nach empirischen Realitäten, die das Wohlergehen des Tieres ausmachen, operationalisiert werden. Auf diese Weise trifft das Respektieren der Würde des Tieres auf die üblichen ethischen Anliegen der Ethik der Tierversuche. Bei nicht-humanen Primaten funktioniert die Güterabwägung im Wesentlichen gleich. Gewiss ist die Frage der Würde bei den uns am nächsten stehenden grossen Menschenaffen (Schimpansen, Bonobos) wahrscheinlich heikler, denn sie erfordert eine Antwort auf zwei Fragen, die eine philosophischer, die andere empirischer Natur:

  • Welches sind die spezifischen menschlichen Eigenschaften, die eher das Zurückgreifen auf die menschliche Würde als auf das, was wir «Würdebis» nennen, rechtfertigen?
  • Gibt es bei gewissen grossen Menschenaffen gewisse dieser Eigenschaften, die wir üblicherweise als spezifisch menschlich betrachten?

Dazu kommen Erwägungen zum Schutz bedrohter Arten, die andere als hier behandelte Fragen der Umweltethik ins Spiel bringen.

7. Die Würde der Kreatur (Art. 120 BV)

Dies ist die problematischste Anwendung des Konzepts der Würde. Wer allen Lebewesen eine Würde zuspricht, selbst jenen, die über keine Empfindungen verfügen, vertritt Anliegen der biozentrischen Ethik. Eine solche Ethik kann extremistische Positionen (deep ecology) hervorrufen. Sogar in ihren moderaten Formen entspricht diese Ethik eher einer Glaubensauffassung oder einer pantheistischen Religiosität als einer eigentlichen philosophischen These.

Eine solche kreationistische Sprache, mit der von Lebewesen gesprochen wird, passt nicht in die Verfassung eines modernen Staates (Dies ist den Verfassern der französischen Version nicht entgangen, die «Würde der Kreatur» mit «intégrité des organismes vivants» ~ «Integrität der Lebewesen» ~ übersetzt haben, was allerdings andere Missverständnisse mit sich bringt).

8. Fazit: Die Würde ist ein inflationär verwendetes Konzept

2003 hat die amerikanische Philosophin Ruth Macklin im British medical journal1 unter dem Titel «Dignity is a useless concept» einen Artikel publiziert, der einiges an Polemik hervorgerufen hat. Ob sie sich in der Sache nun irrt oder nicht, Macklin greift ein echtes Problem auf, das auf die enorme rhetorische Kraft des Konzepts der Würde zurückzuführen ist. Diese Kraft stammt aus ihrer unumstösslichen Bedeutung in politischen und sozialen Zusammenhängen und bringt die Grundrechte der Person ins Spiel. Die Erinnerungen an oftmals heroische Kämpfe, die zur Einhaltung der Grundrechte verholfen haben, spielen dabei sicherlich auch eine Rolle.

Seither ist die Versuchung gross, den Begriff der Würde in allen Variationen zu verwenden, auch in Zusammenhängen, in denen seine Relevanz Anlass zu Kontroversen bietet. Es besteht natürlich ein Risiko, dass das Konzept verwässert wird, bis ihm das Wesentliche seiner Bedeutung und Legitimität entzogen worden ist. Das wäre eine gefährliche Entwicklung, denn sie könnte die Glaubwürdigkeit des Konzepts der Würde in seinen wichtigsten und notwendigsten Anwendungen kompromittieren.

Der Begriff «Würde des Tieres» hat sicher eine Bedeutung, sofern er in der empirischen Realität verankert ist: Die Fähigkeit des Tieres, Schmerz und Unbehagen zu erfahren, begründet sein Interesse auf eine Behandlung, die ihm Qualen erspart und sein Wohlergehen sicherstellt. Doch es ist klar, dass die «Würde des Tieres» kein absolutes Recht des Tieres begründet, und dass sie vereinbar ist mit einer Güterabwägung, die menschliche Interessen impliziert. In diesem Sinn ist die Anwendung des Konzepts der Würde vereinbar mit der herkömmlichen Behandlung von Tierversuchen durch Ethik und Recht, fügt jedoch letztendlich nichts Wesentliches hinzu.

1Macklin R.BMJ 327:1419-20; 2003.