September 2005

Science Talk «Forschungsplatz Schweiz»

Montag, 27. September 2004, 12.30 bis 14.45 Uhr. Kultur-Casino, «Bernerstube», Herrengasse 25, 3011 Bern.

  1. Bestandesaufnahme und Zukunfts­perspektiven zum Forschungsplatz Schweiz
    Prof. Dr. Alexander J.B. Zehnder, Präsident ETH-Rat, Zürich
  2. Bildung und Forschung: Die Schweiz im internationalen Vergleich
    Prof. Dr. Paul Herrling, Leiter Corporate Research, Novartis International AG, Basel
  3. Forschungsfinanzierung und Qualitätssicherung im universitären Bereich
    Prof. Dr. Gian-Reto Plattner, Vizerektor Universität Basel
  4. Verzeichnis Folienset

Die Qualität des Forschungsplatzes Schweiz ist heute im internationalen Vegleich (noch) sehr gut. Hinsichtlich des Beachtungsgrades wissenschaftlicher Publikationen - einem wichtigen Qualitätsmerkmal der Forschungsarbeiten - belegte die Schweiz im Zeitraum 1981-2001 international Spitzenplätze in den Gebieten Biologie/Biochemie, Immunologie, Mikrobiologie, Umwelt- und Materialwissenschaften sowie weitere Podestplätze in Molekularbiologie/Genetik, Physik, Chemie, Ingenieurwissenschaften und im multi­disziplinären Bereich. Diese Resultate sind jedoch das Ergebnis der Anstrengungen und Investitio­nen vergangener Jahrzehnte. Investitionen in wissenschaftliche Bildung und Forschung - darin waren sich Vertreter vom ETH-Bereich, den Universitäten und der Industrie anlässlich des Science Talks «Forschungsplatz Schweiz» einig - müssen von der Politik oberste Prioriät einberaumt werden, damit ein Abdriften ins Mittelfeld verhindert werden kann. Überdurchschnittliche Leistungen verlangen ein über­durchschnittliches Engagement und eine überdurchschnittliche Finanzierung.


1.Bestandesaufnahme und Zukunfts­perspektiven zum Forschungsplatz Schweiz

Prof. Dr. Alexander J.B. Zehnder, Präsident ETH-Rat, Zürich

Der Forschungsplatz Schweiz zeichnet sich im internationalen Vergleich durch eine hohe Publikationsaktivität bei hoher Qualität aus. Gemäss der Rangliste "ISI Highly Cited" gehören insgesamt 77 Schweizer Wissenschaftler zu den 250 weltweit am häufigsten zitierten und damit meistbeachteten Forschern. Publikationsindikatoren widerspiegeln allerdings vergangene Verhältnisse.

Ein anderes Bild zeichnet sich bei der Finanzierung: Gemessen am Bruttoinlandprodukt sind die Bruttoinlandaufwendungen für Bildung sowie Forschung und Entwicklung hierzulande seit 10 Jahren rückläufig und fielen Ende der 90er-Jahre hinter jene von Ländern wie Schweden, Finnland, USA oder Japan zurück. Mit jährlichen Wachstumsraten von bloss 0,4% stagnierte der Finanzierungsbeitrag des Bundes in den vergangenen Jahren beinahe. Da aufgrund der höheren Studentenzahlen immer mehr Mittel in die Ausbildung fliessen, müssen bei praktisch gleichbleibenden Investitionen letztlich immer mehr Forschungsgelder gestrichen werden.

Zukunftsfähige Forschungsstrategien für die Schweiz sind eine Fokussierung auf prioritäre Forschungs­gebiete, die Erhöhung der Qualität (Forschungsfreiheit, internationale Rekrutierung, Auswahl der Studenten, Infrastruktur), der Ausbau systemorientierter Forschungsansätze, die Intensivierung von Partner­schaften mit dem privaten Sektor sowie die Kommunikation mit der Bevölkerung. Dazu braucht es von der Politik die Sicherung der langjährigen Finanzierung, die Etablierung neuer Finanzierungsmodelle (z.B. Stiftungsgelder), die Optimierung der Rahmenbedingungen (statt der Schaffung von Strukturen) sowie die Ermöglichung der Personen­freizügigkeit.


2. Bildung und Forschung: Die Schweiz im internationalen Vergleich

Prof. Dr. Paul Herrling, Leiter Corporate Research, Novartis International AG, Basel

Nicht nur hinsichtlich der Produktivität (gemessen an der Anzahl zitierter Publikationen pro Forscher, z.B. Science Citation Index), sondern auch bezogen auf die Kommerzialisierbarkeit (Anzahl Einreichungen von Biotech-Patenten pro Mio. Angestellter) nahm die Schweiz im Zeitraum 1998-2000 internationale Spitzen­positionen ein. Während die Forschungsinvestitionen der öffentlichen Hand in den letzten Jahren praktisch stagnierten, beschäftigt Novartis heute rund 15% mehr Forscher und investiert ca. 50% mehr in die Schweizer Forschung als vor der Fusion 1997 - trotz des neuen Forschungs­zentrums in Cambridge, USA. Knapp 7 Mrd. Franken oder 75% der Ausgaben für Forschung und Entwicklung stammen vom privaten Sektor. Das heutige Topniveau des Forschungsplatzes Schweiz ist das Ergebnis von konstanter über­durchschnittlicher Investition in Bildung und Forschung und von überdurchschnittlichem Engagement der Politik.

Dass genau diese Priorität in den letzten Jahren nachgelassen hat, zeigen folgende Zahlen: Belegte die Schweiz 2002 gemäss IMD World Competitiveness Yearbook noch Platz 2, fiel sie 2003 auf Rang 9 und 2004 auf Rang 14 zurück. Während sich das Budget der National Institutes of Health (NIH) von 1991 bis 2003 mehr als verdreifachte, erhöhte sich das Budget des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) kaum. Das unter Berücksichtigung der Kreditsperre auf 4,75% reduzierte, jährliche Wachstum der staatlichen Fördergelder reicht nicht aus, um den Leistungsauftrag zu erfüllen, geschweige denn um der zukünftigen Entwicklung der Forschung gerecht zu werden. Dazu gesellen sich weitere problematische Entwicklungen: Fundamental wichtige Naturwissen­schaften wie Physik, Mathematik und Chemie werden an den Schulen zu wenig gefördert. Universitäten werden heute nach Studentenzahlen bezahlt. Stattdessen braucht es ein System, bei dem die Finanzierung von der Studien- und Abschlussqualität abhängt, und das die Berufung von Topkandidaten für neue Pro­fessuren fördert. Mehr staatliche Investitionen in Ausbildung und Wissenschaft sowie mehr Selektion auf der Basis der Qualität sind nötig, damit die Schweiz auch weiterhin ein attraktiver Standort für die industrielle Forschung bleibt.


3. Forschungsfinanzierung und Qualitätssicherung im universitären Bereich

Prof. Dr. Gian-Reto Plattner, Vizerektor Universität Basel

Verglichen mit den Bundeshochschulen sind die Finanzierungsprobleme an den kantonalen Univer­sitäten noch grösser, was sich auch in der Qualität der wissenschaftlichen Leistung nieder­schlägt. Obwohl die Nicht-Universitäts-Kantone in den letzten Jahren erhebliche Beiträge an die Universitäten gezahlt haben, müssen die Trägerkantone beträchtliche Mittel dazuschiessen. Da die Bundesgelder v.a. für die Lehre verwendet werden, müssen die Kantone Forschungsgelder praktisch ausschliesslich von aussen - via SNF und über Drittmittel - generieren.

Hinzu kommt, dass der Einfluss der Politik auf die Forschung und damit verbunden die Bürokratie zunimmt. Echte Innovation entsteht aber in der Regel dort, wo niemand gedacht hätte. Politisch orientierte Forschung wie die SNF-Forschungsprogramme eignen sich daher besser für zukunfts­trächtige, aber bereits entdeckte Gebiete. Ein weiteres Problem des hiesigen Forschungsplatzes ist die typisch schweizerische Angst vor Exzellenz. Statt alle ein bisschen zu fördern, müsste Exzellenz aber klar bevorzugt und gefördert werden.

Um die Qualität von Bildung und Forschung auch in Zukunft sicherzustellen, müssen bestehende Strukturen im Rahmen der Hochschulreform dringend angepasst werden. Höhere Studiums­gebühren sind nötig, um den Finanzierungsproblemen der Universitäten entgegenzutreten. Die Grundfinanzierung aller Hochschulen sollte vereinheitlicht werden und zukünftig nicht mehr auf "Kopfprämien" basieren. Da die Forschung im Hochschulbereich heute von vielen verschiedenen, voneinander unabhängigen Finanzierungsquellen abhängt, ist sie nicht via Finanzierung steuerbar. Um den Finanzfluss für das gesamte System steuern zu können, sollte alles Geld in einen Topf gelegt werden und ein akademisches Organ geschaffen werden, das zentral über den Mitteleinsatz entscheidet.


4. Verzeichnis Folienset

  • Beachtungsgrades wissenschaftlicher Publikationen (PDF 56KB)
  • hohe Publikationsaktivität (PDF 36KB)
  • Rangliste "ISI Highly Cited" (PDF 38KB)
  • Brutto­inlandaufwendungen für Bildung sowie Forschung und Entwicklung (PDF 89KB)
  • Finanzierungsbeitrag des Bundes (PDF 39KB)
  • Science Citation Index (PDF45KB)
  • Einreichungen von Biotech-Patenten pro Mio. Angestellter (PDF 19KB)
  • Ausgaben für Forschung und Entwicklung (PDF 21KB)