Science Talk «Therapeutisches Klonen»

Dienstag, 2. Dezember 2003, 19.00 bis ca. 21.30 Uhr Hauptgebäude der Universität Bern, Senatszimmer (Nr. 028, Parterre), Hochschulstrasse 4, CH-3012 Bern

  1. Embryonale Stammzellen in der Forschung - von der Maus zum Menschen
    Dr. Marisa Jaconi, Labor der Biologie des Alterns, Departement für Geriatrie, Universitätsspital Genf
  2. Kerntransfer als therapeutische Chance für die Geweberegeneration
    Prof. Dr. med. Alois Gratwohl, Leiter Abteilung für Hämatologie, Departement für Innere Medizin, Kantonsspital Basel
  3. Wissenschaftliche und ethische Aspekte der Kerntransfer-Forschung
    Prof. Dr. Hans-Peter Schreiber, Leiter Fachstelle für Ethik und Technologiefolgenabschätzung, ETH Zürich

1. Embryonale Stammzellen in der Forschung - von der Maus zum Menschen

Dr. Marisa Jaconi, Labor der Biologie des Alterns, Departement für Geriatrie, Universitätsspital Genf

Ursprung und Haupteigenschaften embryonaler Stammzellen

Die verschiedenen Linien embryonaler Stammzellen (ES-Zellen) entstehen aus der inneren Zellmasse einer Blastozyste (eine Woche alter Embryo). in vitro sind ES-Zellen unsterblich, denn unter geeigneten Wachstumsbedingungen erneuern sie sich immer wieder selbst. Bei einer Maus ist das differenzierungs-hemmende Zytokin LIF (leukemia inhibitory factor, zu Deutsch Leukämie-hemmender Faktor) der Schlüsselfaktor dieser Selbsterneuerung. Die ES-Zellen des Menschen (abgekürzt hES für humane embryonale Stammzellen) weisen zwar die gleichen Haupteigenschaften auf wie jene einer Maus (also Unsterblichkeit und Pluripotenz in vitro), unterscheiden sich von diesen aber durch gewisse phäno-typische und funktionale Merkmale. So scheint die Selbsterneuerung der hES-Zellen nicht vom LIF abhängig zu sein. in vitro können sich ES-Zellen zu Zellen der drei Keimblätter - Ektoderm, Mesoderm und Endoderm - entwickeln. Diese Vorläuferzellen können sich ihrerseits in ausgereifte funktionale Zellen wie Nervenzellen, Herzmuskelzellen oder Inselzellen des Pankreas (Bauchspeicheldrüse) differenzieren.

Angesichts der Tatsache, dass ES-Zellen in vitro praktisch unbegrenzt Nachschub liefern und sich in spezialisierte Zellen differenzieren können, gelten sie als Werkzeug erster Wahl für die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze nach dem Prinzip der Zellerneuerung. Dementsprechend stossen die hES-Zellen seit ihrer erstmaligen Isolierung im Jahre 1998 in wissenschaftlichen und medizinischen Kreisen auf zunehmendes Interesse. Gleichzeitig hat eine ethische Diskussion über ihren embryonalen Ursprung eingesetzt. Zahlreiche Forschungsarbeiten haben sich bisher insbesondere der Differenzierung der ES-Zellen von Mäusen und Menschen zu Nervenzellen sowie deren anschliessendem Einpflanzen ins Tierhirn gewidmet. Am weitesten fortgeschritten sind dabei die Untersuchungen auf dem Gebiet der therapeutischen Stammzellen, was natürlich auf den möglichen therapeutischen Nutzen für den Menschen zurückzuführen ist. Bisherige Einschätzungen der Entwicklung dieser Zellen nach Implanatation in vivo, etwa ins Gehirn von Mäusen mit neurodegenerativen Erkrankungen (z.B. Parkinson), weisen tatsächlich auf einen gewissen therapeutischen Nutzen hin, machen aber zugleich die mit diesen Strategien verbundenen Schwierigkeiten und Risiken (hauptsächlich Tumore) deutlich.

Somit bedingt die Anwendung von ES-Zellen in der Zelltherapie zuerst die sichere Beherrschung der gezielten Differenzierung in spezifische Zelllinien. Momentan gibt es aber kein Verfahren, das die gezielte Entwicklung einer reinen Population eines bestimmten Zelltyps gewährleisten würde. Demzufolge richtet sich das Hauptaugenmerk auf die Entwicklung von Verfahren, mittels derer die Differenzierung in Richtung der gewünschten Zelllinien gelenkt und anschliessend die Ausreifung zu funktionalen Zellen gewährleistet werden kann. Im Unterschied zu den adulten Stammzellen weisen ES-Zellen den Vorteil auf, dass sie sich auf einfache Weise genetisch verändern lassen. Es ist denkbar, ES-Zellen über die Einführung neuer Mutationen an der Differenzierung zu unerwünschten Zelllinien zu hindern, oder umgekehrt zum Zeitpunkt der Transplantation die Expression von so genannten "Master-Genen" zu aktivieren, die eine Differenzierung in die gewünschten Linien herbeiführen. Die Exprimierung von für die Differenzierung ausschlaggebenden Genen könnte sich als unabdingbar erweisen, wenn es darum geht, die Entwicklung einer Zelle wirksam zu lenken und ihre letztendliche Identität optimal vorzugeben. Zudem ermöglichen genetische Selektionsstrategien die Eliminierung jener Zellen, die sich in unerwünschte Linien differenziert haben. Eine solche Strategie ist schon erfolgreich angewandt worden zur Anreicherung von ausdifferenzierten Vorläuferzellen von Nerven-, Herzmuskel- und Inselzellen des Pankreas. Ausserdem könnten den Zellen damit Immunokompatibilität (Gewebeverträglichkeit) mit dem Empfänger verliehen werden.

Trotz der spektakulären Fortschritte, die in den vergangenen Jahren im Umgang mit ES-Zellen von Mäusen erzielt worden sind, gibt es in Bezug auf die kontrollierte Selbsterneuerung und in vitro Differenzierung menschlicher ES-Zellen noch viel zu tun. Die Vermehrung der hES-Zellen ist nach wie vor eine heikle Sache, und die Mechanismen der Selbsterneuerung und des klonalen Wachstums dieser Zellen sind noch nicht restlos unter Kontrolle. Deshalb die genetische Veränderung von hES-Zellen im Vergleich zu ES-Zellen von Mäusen schwieriger. Bevor die Anwendung dieser Zellen in der Zelltherapie ins Auge gefasst werden kann, müssen also unbedingt die für die Selbsterneuerung der hES-Zellen massgeblichen Faktoren und Mechanismen identifiziert werden. Zudem müssen neue Zellkultur-bedingungen etabliert werden, die ein Weiterleben der hES-Zellen ermöglichen, wobei zwingend sicherzustellen ist, dass die verwendeten Nährmedien frei sind von sogenannten "Futterzellen" tierischen Ursprungs oder auf der Basis anderer Arten aufbereitet wurden, damit das Risiko einer Übertragung von Erregern ausgeschlossen werden kann. Des Weiteren muss die Differenzierung der hES-Zellen besser kontrolliert werden können. Die im Vergleich zu ES-Zellen von Mäusen unterschiedliche Reaktion der hES-Zellen auf gewisse Wachstumsfaktoren macht deutlich, dass die Entwicklung neuer, spezifischer Differenzierungsverfahren gefragt ist.

Insgesamt gesehen stecken wir im Umgang mit menschlichen embryonalen Stammzellen und insbesondere ihrer Selbsterneuerung und Differenzierung in die gewünschten Zelllinien noch in den Kinderschuhen. Ob die anstehenden Schwierigkeiten gemeistert werden können, hängt massgeblich davon ab, dass auf diesem Gebiet Grundlagenforschung betrieben werden kann. Da die Forschung auf internationaler Ebene stattfindet, ist es von grösster Bedeutung, dass die in der Schweiz tätigen Forscher sich den Forschungsprogrammen der Europäischen Union anschliessen und an ihnen teilhaben können.

Koordinaten

Labor der Biologie des Alterns
Departement für Geriatrie
Universitätsspital Genf
Centre Louis-Jeantet
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CH-1225 Chêne-Bourg
Tel.: +41 22 305 54 60
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E-Mail: marisa.jaconi@medecine.unige.ch


2. Kerntransfer als therapeutische Chance für die Geweberegeneration

Prof. Dr. med. Alois Gratwohl, Leiter Abteilung für Hämatologie, Departement für Innere Medizin, Kantonsspital Basel

Die Gesetzgebung über den Umgang mit embryonalen Stammzellen sowie die Gesetzgebung über Forschung am Menschen sieht ein Verbot des Kerntransfers, des therapeutischen Klonens, vor. Begründet wird dieses geplante Verbot mit unterschiedlichen Überlegungen. Es wird angeführt, dass in der Schweiz bereits heute "jegliche Form des Klonens" verboten sei. Andere Argumente warnen vor einem Eingriff in werdendes Leben oder warnen vor Missbrauch. Kerntransfer öffne dem reproduktiven Klonen die Tür. Diese Argumente sind ungenügend. Forschung auf dem Gebiet des Kerntransfers findet weltweit statt. Sie wird an renommierten Instituten in den USA, in England oder im Fernen Osten intensiv gefördert. Es ist anzunehmen, dass auch Schweizer Patienten und Patientinnen allfällige therapeutische Anwendungen dieser Forschung für sich beanspruchen werden. Ein Abseitsstehen der Schweiz ver-grössert nur den Abstand zur Forschungsspitze.

Was heisst Kerntransfer und worin liegen die hoffnungsvollen Aspekte? Kerntransfer nützt das Potenzial totipotenter embryonaler Stammzellen aus (Totipotenz ist die Fähigkeit einer Zelle, sich zu einem vollständigen Lebewesen zu entwickeln). Beim Kerntransfer wird eine Eizelle entkernt und mit dem Zellkern einer reifen Zelle anderer Herkunft ersetzt. Dieser reife Zellkern kann aus Muskelgewebe, Hautgewebe oder irgendeinem anderen gesunden Gewebe entstammen. Eine durch Kerntransfer erzeugte Zelle gewinnt wieder den Status einer embryonalen Stammzelle und besitzt das gleiche Potenzial wie eine befruchtete Eizelle. Sie kann - eingepflanzt in eine Gebärmutter - ein Individuum bilden, das heisst, zum reproduktiven Klonen verwendet werden. Die gleiche Zelle kann - in Gewebe-kultur - sämtliche werdende Zellen eines Individuums bilden und für das therapeutische Klonen eingesetzt werden. Aus der initialen totipotenten Stammzelle können unter geeigneten Kulturbedingungen Stammzellen für alle Organe erzeugt werden. Alle so gewonnenen Zellen und Gewebe besitzen dann die Gewebeeigenschaften des Zellkernspenders. Dies ist die Hoffnung der Forschung. Gelingt diese Absicht, dann stehen für Patienten mit schweren Organerkrankungen Stammzellen mit ihren eigenen persönlichen Gewebeeigenschaften zur Verfügung. Immunologische Reaktionen wie Abstossung oder Graft-versus-host-Krankheit müssen nicht befürchtet werden. Dies ist noch Theorie. Nur durch Forschung lässt sich prüfen, ob es gelingt. Dass diese Hoffnung als realistisch eingeschätzt wird, zeigt sich in einem kürzlich erschienenen Leitartikel der renommierten medizinischen Zeitschrift New England Journal of Medicine.

Die Hoffnung vieler Patienten auf Besserung ihrer Leiden wird durch die Beschreibung und Charakterisierung embryonaler Stammzellen verständlich. Diese "Alleskönner-Zellen" könnten in der Lage sein, fehlende, erkrankte, bösartig entartete oder vorzeitig gealterte Organe zu erneuern oder zu ersetzen. Bei geeigneter Anwendung wird es so möglich, bisher unheilbare und so unterschiedliche Krankheiten wie Alzheimersche Krankheit, Diabetes, Arthrose oder Herzmuskelschwäche zu beeinflussen. Dies ist nicht nur Wunschdenken.
Die Hoffnung der Stammzelltransplantation begründet sich auf die bestehende Erfahrung bei der Transplantation blutbildender Stammzellen. Sie ist die bisher Einzige in der Klinik erfolgreich durchgeführte Art der Stammzelltransplantation. Sie bestätigt das Prinzip, dass durch gesunde Stammzellen ein erkranktes Organ, in diesem Fall das Knochenmark, erneuert werden kann. Die Transplantation blutbildender Stammzellen ist heute eine häufige Behandlungsform bei schweren angeborenen oder erworbenen Krankheiten des Knochenmarkes wie z.B. Leukämien. Zum Einsatz verwendet werden Stammzellen aus Knochenmark, peripherem Blut oder Nabelschnurblut vom Patienten selbst, von einem Familienmitglied oder von einem der international mehr als 8 Millionen freiwilligen, typisierten Spender. Gegen 60'000 solcher Eingriffe werden heute jährlich weltweit durchgeführt. Diese Entwicklung gelang nicht von gestern auf heute. Die Transplantation blutbildender Stammzellen hat eine lange Geschichte. Ihre Machbarkeit wurde in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgezeigt. Der Weg zum heutigen routinemässigen klinischen Einsatz verlangte Zeit und intensive Forschungsarbeit. Der Erfolg und die heutigen Möglichkeiten sind nicht Produkte des Zufalls. Sie sind das Resultat intensiver, langjähriger, weltweit vernetzter Forschung auf diesem Gebiet.

Die Transplantation blutbildender Stammzellen zeigt trotz ihrer Erfolge die noch bestehenden Schwierigkeiten auf. Abstossung, Graft-versus-Host-Krankheit, Organschaden durch die vorbereitende Behandlung und Rückfall der Krankheit trotz Transplantation können auftreten. Es darf angenommen werden, dass die gleichen Probleme auch bei der Transplantation von Stammzellen für andere Organe zu erwarten sind. Kerntransfer könnte zumindest die immunologischen Komplikationen reduzieren. Viel Zeit und koordinierte Forschung wird bis zum Erfolg notwendig sein.

Die Ablehnung des therapeutischen Klonens entspricht einer nachvollziehbaren Sorge. Der Begriff "Klonen" ist für viele identisch mit reproduktivem Klonen und gekoppelt an Bilder aus Aldous Huxley's "Schöner Neuer Welt" oder aus dem "Krieg der Klone" in den Star Wars. Zur Ablehnung gesellt sich Angst vor der Zukunft. Unterscheidung ist angebracht. Auf dem Gebiet der Stammzellforschung sind innert kurzer Zeit mehrere Tatsachen geschaffen worden, die vorher als nicht möglich galten. Bis vor "Dolly" galt das Klonen von Säugetieren als Utopie. Bis vor Kurzem galt für die Entwicklung der Stammzellen das Prinzip der Einbahnstrasse. Plastizität oder Reprogrammierbarkeit der Stammzellen galt als unmöglich. Jeder vernünftige Forscher hätte es noch vor weniger als 10 Jahren abgelehnt, Möglichkeiten wie Dolly oder Reparatur von Herzinfarktgewebe durch Stammzellen aus dem Knochenmark als realistische Projekte anzusehen. Heute gilt nur die Sicherheit, dass schon morgen wieder eine Entdeckung veröffentlicht wird, von der wir noch heute sagen, dass sie unmöglich ist.

Gemeinsam sind dem reproduktiven und therapeutischen Klonen nur wenige Abschnitte im langen Prozess vom ersten bis letzten Schritt. Ausgangslage und Zielsetzung sind anders. Reproduktion von Individuen oder Regeneration von Gewebe zur therapeutischen Anwendung sind weit auseinander-liegende Vorgänge. Ablehnung von beiden Techniken mit der gleichen Argumentation ist nicht haltbar, und sie ist nicht zukunftsweisend. In diesen Kontext gehört die Beobachtung, dass es möglich ist, im Reagenzglas aus embryonalen Stammzellen Eizellen zu züchten. Noch steht aus, ob diese Eizellen auch befruchtet werden können. Mögliche Konsequenzen dieser Beobachtung sind aber jetzt schon denkbar, vom Missbrauch bis zum therapeutischen Nutzen. Gelingt es, Eizellen aus zirkulierenden pluripotenten Vorläuferzellen zu gewinnen, entfällt die Notwendigkeit einer Eispende für den späteren Kerntransfer (Pluripotenz ist die Fähigkeit einer Zelle, sich zu vielen unterschiedlichen Zelltypen eines Organismus zu entwickeln, jedoch nicht ein ganzes Individuum zu bilden). Die Sorge um Instrumentalisierung der Spenderinnen wird hinfällig. Noch sind dies theoretische Überlegungen. Es kann sein, dass diese Gedanken nie zur Anwendung kommen; es kann sein, dass sie bereits morgen Realität sind. Es gilt, unser heutiges Denken und unser heutiges gesetzgeberisches Handeln darauf einzurichten.

Die Ehrfurcht vor dem Leben und der besondere Schutz des ungeborenen Lebens ist in allen Gesellschaften vorhanden. Sie ist nie absolut und immer mit einem Abwägen der Güter verbunden. Die Gewichtung kann dabei unterschiedlich sein. Eine entkernte Eizelle, neu versehen mit dem adulten Kern einer somatischen Zelle (Körperzelle), wird nicht von allen gleich betrachtet wie eine frisch befruchtete Eizelle, die zum Ziel hat, ein gewünschtes Kind zu werden. Noch schwieriger wird es, den gleichen Status werdenden Lebens und werdenden Individuums einer Zelle zuzuordnen, die im Reagenzglas generiert wird. Neue Bezeichnungen sind notwendig, wenn eine im Reagenzglas entstandene Eizelle mit einem adulten Kern versehen wird. Der Begriff Embryo ist nicht adäquat in diesem Kontext, der Schutz vor Missbrauch aber unabdingbar. Dies wird besonders notwendig werden, wenn eines Tages die Faktoren innerhalb der Eizelle bekannt sind, die einem adulten Zellkern zur Totipotenz verhelfen. Dann werden auch keine Eizellen mehr für den Kerntransfer notwendig sein.
Das bestehende Klonverbot ist nicht auf diese Situation übertragbar. Es bezog sich zum damaligen Zeitpunkt der Gesetzgebung ausschliesslich auf das reproduktive Klonen. Die Möglichkeiten des Kerntransfers zur Geweberegeneration waren damals noch nicht bekannt.

Jede Neuentwicklung beinhaltet Vor- und Nachteile, Gewinn und Risiken. Dies ist nicht neu. Die Menschheit hat gelernt, damit umzugehen. Der Einsatz von Chemiewafffen wird nicht durch ein Verbot der chemischen Industrie verhindert, der Einsatz von biologischen Waffen nicht durch ein Verbot von bakteriologischen Labors und der Einsatz von Atomwaffen nicht durch ein Verbot der Kernforschung. Diese Beispiele könnten als Modell für die Regelung der Stammzellforschung dienen. Es ist sinnvoll Reproduktionsmedizin von der Regenerationsmedizin zu trennen. Für Anwendungen im Rahmen der Reproduktion sollten andere Begriffe dienen als für Anwendung zur Gewebereparatur. Jede Forschung und Anwendung soll auf den Prinzipien der Transparenz beruhen. Institutionen mit Stammzellforschung verpflichten sich, auf reproduktives Klonen zu verzichten und nur Projekte durchzuführen, die von einer Ethik-Kommission bewilligt sind. Sie verpflichten sich, alle Labors, Unterlagen und Erkenntnisse bei einer Inspektion zur Einsicht zur Verfügung zu stellen. Eine solche Kommission könnte analog der Inter-nationalen Atomenergiekommission international bestellt werden. Die WHO wäre eine der Institutionen, die dafür in Frage kommt.

Die Anwendung von Stammzellen ist ein Gebiet, das als Therapiemodell der Zukunft bezeichnet wird. Es gilt, die Stammzelltherapie und ihr Potenzial zu nutzen. Das Beispiel der Stammzelltransplantation bei Blutkrankheiten gibt dafür Ansporn. Es wäre schade, diese Chance nicht zu ergreifen. Wir leben zudem in einer globalen Welt. Stammzellforschung findet statt. Wir leben auch in einer pluralistischen Gesellschaft. Es gilt Konsens zu nutzen, um vor Missbrauch zu schützen. Ein Verbot des therapeutischen Klonens und ein Vermischen von Reproduktion und Regeneration ist nicht wünschbar und nicht zukunftsorientiert. Es fördert den Konflikt. In vielen Ländern ist der Kerntransfer bereits erlaubt, und wir stünden einfach abseits. Ein Überwachungs- und Kontrollkonzept ist jederzeit an neue Entwicklungen und Erkenntnisse adaptier-bar. Es wäre mutig und zukunftsorientiert, wenn hier die Schweiz Vorbildfunktion übernehmen könnte.

Koordinaten

Leiter Abteilung für Hämatologie
Departement für Innere Medizin
Kantonsspital Basel
Petersgraben 4
CH-4031 Basel
Tel.: +41 61 265 42 77
Fax: +41 61 265 44 70
E-Mail: hematology@uhbs.ch


3. Wissenschaftliche und ethische Aspekte der Kerntransfer-Forschung

Prof. Dr. Hans-Peter Schreiber, Leiter Fachstelle für Ethik und Technologiefolgenabschätzung, ETH Zürich

I. Wissenschaftlicher Klärungsbedarf

Welche molekularen Faktoren des Eizell-Zytoplasmas (Zellsubstanz) sind dafür verantwortlich, dass ein somatischer Zellkern in den unspezialisierten (Embryonal)-Zustand zurückgesetzt und zur erneuten Differenzierung angeregt werden kann? Kerntransferbasierte Experimente - in einem ersten Schritt u.U. mit tierischen Eizellen - könnten dazu vielleicht einen wichtigen Beitrag leisten. Hier schliesst sich die Frage an, ob das Zytoplasma einer tierischen Eizelle einen humanen somatischen Zellkern (Zellkern einer menschlichen Körperzelle) so de- und reprogrammieren könnte, dass eine Hybridblastozyste (Embryo im 100-Zellen-Stadium) entstünde, aus der sich dann embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) ähnliche Zellen gewinnen liessen? Und liessen sich solche ES-ähnlichen Zellen in das autologe (patienteneigene) Ziel-Ersatzgewebe mit der/den gewünschten Funktion/en überhaupt differenzieren?

Wie kann der transferierte Zellkern mit dem mitochondrialen Genom (Chondrom, d.h. den Genen der Zellorganellen für die Engergieversorgung) des Zytoplasmas der entkernten Empfänger-Eizelle koope-rieren? Geht man davon aus, dass die Interaktion zwischen Zellkern und mitochondrialer DNA sich je nach Spezies anders abwickelt, dürften beim Transspezies-Klonen erhebliche Probleme auftreten. Der Spender-Zellkern muss mit einen Chondrom kooperieren, an das er nicht angepasst ist. Je grösser die phylogenetische (stammesgeschichtliche) Entfernung zwischen der Spezies des Zellkerns und des empfangenden Ei-Zytoplasmas ist, desto stärker werden Interaktionsprobleme zwischen diesen beiden Genomen auftreten. Sollte nicht parallel zu Experimenten mit tierischen Eizellen auch mit humanen Eizellen (und Zellkernen) experimentiert werden können?

Gelänge die Identifikation jener molekularen Faktoren im Zytoplasma der Empfänger-Eizelle, die für eine De- und Redifferenzierung des somatischen Zellkerns verantwortlich sind - und dazu könnten (s.o.) Kerntransferexperimente ein hilfreiches Forschungsinstrument sein - dann könnte es u.U. gelingen, ein in-vitro-System zu etablieren, in dem unter direkter Zugabe solcher Faktoren ein Zurücksetzen adulter somatischer Zellen sowie deren erneute Differenzierung zu realisieren, und zwar ohne eine kerntransfer-basierte Erzeugung eines Embryos (Blastozyste). Damit wären viele ethische und rechtliche Fragen gelöst.

Die kürzlich publizierte Arbeit Hübner et al (2003) aus dem Labor von Prof. Hans Schöler hat gezeigt, dass aus einer Maus-ES-Zelllinie in vitro Oozyten-Stadien gebildet werden können. Inwieweit diese Eizellen auch befruchtungsfähig sind, ist zurzeit noch offen.
Ob die Bildung vom Keimzellen auch für humane ES-Zellen zutrifft, ist ebenfalls nicht geklärt. Die meisten Stammzellwissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass dies prinzipiell möglich sein sollte. Sollte dem so sein, dann ergäben sich für das therapeutische Klonen aus den Arbeiten von Hübner/ Schöler neue Perspektiven: Sollte die Bildung von Eizellen aus hES-Zellen gelingen, wäre hiermit eine aus ethischer Sicht unproblematische Quelle zur Gewinnung von Eizellen vorhanden.

Die langfristige klinische Zielperspektive dieser Forschung könnte die Ermöglichung eines in-vitro-Systems zur Generierung autologer Transplantate mit identischem Genotyp des Empfängers (keine negative Immunreaktion) sein, ohne die Erzeugung pluripotenter hES-Zellen in einer Blastozyste und damit in einem menschlichen Embryo.

II. Rechts-ethische Aspekte des Embryonenschutzes in der Prä-Nidationsphase

a) Therapeutisches Klonen von Stammzellen
Die aktuelle bioethische Diskussion kreist heute um den rechtsethischen Status des Embryos in vivo und in vitro, d.h. also um menschliche Lebensformen in der Phase vor der Nidation (Einnistung der Blastozyste in die Gebärmutter), und zwar im Zusammenhang mit Forschungen an hES-Zellen (humane Embryonale Stamm-Zellen) und dem therapeutischen Klonen. Das rechtliche und ethische Problem dieser Forschung ergibt sich aus dem Umstand, dass dabei menschliche Embryonen (Blastozysten) zerstört bzw. verbraucht werden müssen.

Die Auseinandersetzung um den moralischen Status des Embryos wird üblicherweise von zwei Positionen geführt: Die eine Position geht von einer sehr engen Koppelung von Menschenwürde und Lebensschutz aus, während die andere diese mindestens für die pränidative Entwicklungsphase des Embryos bestreitet. Schon nach der Konsequenz, die das Strafgesetz bezüglich der Rechtmässigkeit des Schwangerschafts-abbruchs zieht, kann diese Koppelung nicht zutreffen. Im Falle der Schwangerschaftsabbruch-Regelung geht das Recht nämlich davon aus, dass nicht jede Lebenszerstörung des Embryos (Spirale) bzw. des Fötus identisch mit einer Verletzung der Menschenwürde sei. Beide Schutzbereiche, des Lebens sowie der Würde des Menschen, müssen daher unabhängig voneinander bestimmt werden.

Was ist mit der Entkoppelung für die Frage der Zulässigkeit der hES-Zellforschung und/oder des therapeutischen Klonens gewonnen? Vor allem die Erkenntnis, dass ein Eingriff in das Leben eines frühen Embryos weder in vivo noch in vitro schon per se eine Verletzung der Menschenwürde sein kann. Das Leben eines frühen Embryos geniesst nur relativen Schutz, es wird de facto schon heute gegen andere Rechte und Güter abgewogen: Selbstbestimmung; "Eugenik des Mitleids" (Jonas); Freiheit der Forschung (an Stammzellen).

Gleichwohl macht die aktuelle Embryonenschutz-Debatte deutlich, dass die Frage nach dem Beginn des Lebensschutzes noch längst nicht erledigt ist. Es gibt gewichtige biologische und rechtspragmatische Argumente dafür, den Beginn und den Schutz individuellen Lebens nicht schon mit der Verschmelzung der Gameten (Keimzellen) anzusetzen, sondern erst mit dem Vorgang der Nidation. Für die Embryonal-entwicklung ist neben der Kernverschmelzung vor allem der Prozess der Nidation konstitutiv: "Erst mit der Einnistung in den Uterus der Mutter hat der Embryo das volle Entwicklungsprogramm. Erst während dieser Symbiose wird das Programm ausgeführt. Gene sind nicht alles, was der Mensch zur Mensch-werdung braucht" (Nüsslein-Volhard).

Da also dem Embryo in der pränidativen Entwicklungsphase in vivo Menschenwürde im verfassungs-rechtlichen Sinne noch nicht zukommt, kann sie ihm auch nicht in vitro zukommen. Damit verstösst weder die Forschung an überzählig gewordenen Embryonen noch das Verfahren des therapeutischen Klonens - beide in vitro - gegen Menschenwürde.

b) Reproduktives Klonen von Menschen
Das mit diesem Verfahren verbundene ethische Problem besteht primär darin, dass hinter dem genetischen Kernbestand eines Klons, die Absicht einer fremden Person steht. Dabei ist nicht die genetische Identität das eigentlich moralische Problem, sondern die damit verbundene Anmassung eines Dritten, über die Natur eines Menschen - ohne therapeutische Indikation und Dringlichkeit - zu verfügen.

Unter natürlichen Zeugungsbedingungen können wir keine rechenschaftspflichtige Person für unsere DNA verantwortlich machen. Beim Klon ist dies jedoch anders. Für den Klon verfestigt sich nämlich ein Urteil, das eine andere Person schon vor seiner Geburt über ihn verhängt hat. Damit ist die Wahrnehmung seiner Autonomie gefährdet. Voraussetzung jeder Wahrnehmung individueller Autonomie ist die gegenseitige Anerkennung. Durch die Anmassung des Erzeugers eines Klons, "Herrn" bzw. "Frau" über die Gene eines anderen zu sein, ist diese grundlegende Reziprozität ausserordentlich gefährdet. Dadurch wird das Gebot "Achte das Recht jedes Menschen, seinen eigenen Weg zu finden und eine Überraschung für sich selbst zu sein" (Hans Jonas) Lügen gestraft.

Für den Klon ist die genetische Vorgabe nicht mehr zufällig, wie bei einem natürlich gezeugten Menschen (selbst bei In-vitro-Fertilisation). Das Ergebnis ist vielmehr das einer absichtlichen Planung eines andern. Was normalerweise ein kontingentes Geschehen ist (bis hin zu genetisch bedingten Krankheiten usw.) kann bzw. muss der Klon jetzt einer anderen Person als Absicht zurechnen. Es ist dieser fatale Perspektivenwechsel, der die Reziprozität zwischen Ebenbürtigen aufhebt. Daher sind alle politischen Anstrengungen zu unterstützen, Verfahren zum reproduktive Klonen von Menschen international zu verbieten.

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