Prof. Ender Konukoglu

Ender Konukoglu, Associate Professor für Biomedical Image Computing an der ETH Zürich

Ender Konukoglu, Associate Professor für Biomedical Image Computing an der ETH Zürich, entwickelt mit seinem Team neue Algorithmen mit dem Ziel, klinische Daten, insbesondere die medizinische Bildgebung, zu verbessern. Auf diese Weise trägt er dazu bei, die Diagnose von Krankheiten, den Arbeitsablauf und die Behandlungsplanung für Medizinerinnen und Mediziner und damit letztendlich auch das Leben von Patientinnen und Patienten zu verbessern.

Welchen Beitrag können Algorithmen im Alltag eines Mediziners/Medizinerin leisten?

Ender Konukoglu: Da die Zahl der Patientinnen und Patienten stetig zunimmt - zum einen wegen der alternden Bevölkerung und zum anderen aufgrund der durchschnittlichen Zunahme der Anzahl an Arztbesuchen pro Person - braucht es eine Entlastung der Fachkräfte. Erschwerend kommt hinzu, dass aktuell nicht genügend Ärztinnen und Ärzte schnellgenug ausgebildet werden können, um die zunehmende Belastung zu bewältigen. Das Gesundheitswesen benötigt daher Instrumente wie Algorithmen, die es den Medizinerinnen und Medizinern ermöglichen, mehr Zeit mit den Patienten zu verbringen, anstatt einen Grossteil ihrer Zeit für das Sammeln und Interpretieren von Daten aufwenden zu müssen.
 

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Entwicklungen in Ihrem Forschungsgebiet in den nächsten Jahren?

Ender Konukoglu: Primär wird die Integration der beschriebenen Tools in die Kliniken sein. Dadurch können Arbeitsabläufe verbessert und die Effizienz im Krankenhausalltag erhöht werden.
Weiter erwarte ich eine Verbesserung der Bildgebungsqualität. Wenn wir in kürzerer Zeit bessere Bilder generieren können, ist es auch leichter, wichtige Bereiche der Bilder für weitere Untersuchungen hervorzuheben.

Die dritte Entwicklung ist die allgemeine Verlagerung hin zur Präzisionsmedizin. Mit der Verfügbarkeit grösserer Datensätze werden wir eine bessere Stratifizierung der Patienten vornehmen können; wir können also Gruppen identifizieren, bei denen bestimmte Behandlungen wirken und so die Therapien optimieren. Wenn wir die Präzision der Behandlung erhöhen können, wird sich dies an vielen Fronten positiv auswirken – nicht nur bei der Behandlung akuter Krankheiten, sondern auch bei chronischen Erkrankungen wie Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Problemen. Das ist eine sehr wichtige Entwicklung, die ich für die nächsten zehn Jahre erwarte.
 

Welchen Einfluss haben Daten ganz allgemein auf Ihre Arbeit?

Ender Konukoglu: Für meine Arbeit verwende ich klinische Daten, was bedeutet, dass ich viel mit Krankenhäusern zusammenarbeite. Die Verwendung von Datensätzen aus Spitälern ist jedoch häufig sehr heikel, unabhängig vom Standort der Einrichtungen. Forschende, welche mit diesen Datensätzen arbeiten, müssen alle Datenschutzbestimmungen berücksichtigen. Sie müssen also sicherstellen, dass alle persönlichen Informationen von Patientinnen und Patienten nur von Personen eingesehen werden können, die dazu berechtigt sind und diesen Zugang für ihre Tätigkeit zwingend benötigen. Solche Vorschriften gibt es natürlich aus gutem Grund. Für unsere Forschung ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, Zugang zu entsprechenden Datensätzen zu haben, da die meisten der von uns entwickelten Algorithmen datengestützt sind. Wenn wir keine Daten haben, können wir keine Algorithmen entwickeln.
 

Wie könnte der Austausch zwischen Forschenden an den Hochschulen und den Medizinerinnen und Medizinern verbessert werden?

Ender Konukoglu: Alle Klinikerinnen und Kliniker, die ich kenne, sind sehr aufgeschlossen und es ist dementsprechend angenehm, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Es findet ein Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern statt, da im klinischen Umfeld der Schweiz sehr viel technisches Fachwissen vorhanden ist. Ärztinnen und Ärzte betreiben teilweise selbst Spitzenforschung; die meisten von ihnen kennen die neuesten Entwicklungen im Bereich des maschinellen Lernens, der bildgebenden Geräte und so weiter.
Die Datenschutzvorschriften erschweren jedoch eine effiziente Zusammenarbeit in der Schweiz. Obwohl es gute Gründe für diese Vorschriften gibt, bremsen sie gleichzeitig Verbesserungen für Klinikerinnen und für Forschende wie mich.

 

Was erwarten Sie von der Politik hinsichtlich Rahmenbedingungen für die Forschung? 

Ender Konukoglu: Die Regulierungen können derzeit nicht mit der technischen Entwicklung Schritt halten. Dazu bedarf es politischer Entscheidungen auf kantonaler oder sogar auf nationaler Ebene. Allenfalls müssen beispielsweise mehr Leute eingestellt werden, um die Regulierungen im Gleichschritt mit den technischen Fortschritten weiterentwickeln zu können. In anderen Ländern hat die Forschung Zugang zu nationalen Registern und Systemen, was in föderalen Staaten wie in der Schweiz nicht so einfach ist. Hier können die Vorschriften für Krankenhäuser von den kantonalen Vorschriften abweichen, die sich wiederum von den Bundesvorschriften unterscheiden. Wenn ein Land längerfristig an der Spitzenforschung teilhaben will, dann müssen die Regulierungen flexibler angepasst werden und auch auf einer zentraleren Ebene organisiert werden können.

Gibt es noch einen anderen Aspekt, den Sie gerne erwähnen möchten?

Ender Konukoglu: Meiner Meinung nach ist die Öffentlichkeit gegenüber KI und Algorithmen manchmal zu kritisch eingestellt. Natürlich gibt es einige Negativbeispiele und dann auch eine entsprechende Medienberichterstattung. Aber derzeit besteht in der öffentlichen Wahrnehmung meiner Meinung nach ein eher negatives Bild.
Über all jene Forschungsprojekte, die sämtliche Datenschutzkriterien erfüllen und gemäss Vorschriften abgewickelt werden, wird viel weniger berichtet. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass die allermeisten Forschenden, die mit kritischen Daten arbeiten, besonders sensibilisiert sind und sich entsprechend vorsichtig verhalten. Das enorme Potential von KI und Algorithmen für die Gesellschaft als Ganzes wird in der Medienberichterstattung zudem häufig nicht aufgegriffen.

Und zum Abschluss noch eine persönliche Anmerkung: Ich komme jetzt langsam ins mittlere Alter, was auch mit mehr Arztbesuchen verbunden ist. Ich fände es grossartig, wenn alle meine medizinischen Unterlagen zentralisiert wären. Dann müsste ich bei Beschwerden nicht mehr bei allen Ärztinnen und Ärzten dieselben Erklärungen vortragen. Auch bei einem Umzug hätten die behandelnden Medizinerinnen und Mediziner stets Zugriff auf alle relevanten Akten. Ich denke, dass die Bedenken hinsichtlich Privatsphäre in der Wahrnehmung der Patienten leider häufig die zahlreichen Vorteile überschatten.

Prof. Pedro Beltrao

Prof. Pedro Beltrao, Institut für Molekulare Systembiologie, ETH Zürich

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