Interview mit Salome Stierli, Postdoctoral Researcher at University of Zurich

Die junge Forscherin Salome Stierli erläutert die Gefahren der Tier- und Menschenversuchsverbotsinitiative für uns alle und im speziellen für Ihre Forschungsarbeit. Erfahren Sie im unterstehenden Interview mehr darüber.

Welche konkrete Frage versuchst Du während Deiner Doktorarbeit zu beantworten?

Ich untersuche die Rolle von Gliazellen, also von jenen Zellen, welche eine Nervenfaser umschliessen. Wir möchten verstehen, was die Gliazellen zum Wundheilungsprozess der Haut beitragen. Von früheren Arbeiten wissen wir, dass die Gliazellen die Wundheilung positiv beeinflussen. Wir wissen jedoch nicht, mit welchen anderen Zellen sie kommunizieren, beispielsweise welche Faktoren sie absondern .

Wie wichtig sind Tierversuche für Deine Arbeit?

Die Wundheilung ist ein sehr komplexer Prozess, viele Zelltypen sind involviert. Für uns wäre es nicht einfach, auf Tierversuche zu verzichten und unsere Forschung allein im Reagenzglas («in vitro») zu modellieren. Viele Zusammenhänge - beispielsweise der Blutkreislauf und das damit zusammenhängende komplexe Immunsystem, insbesondere das Nervensystem - könnten nur schwer ausserhalb eines lebenden Organismus erforscht werden.  

Es gibt aber entsprechende Modellsysteme; an der Universität Zürich arbeiten wir aktuell an der Entwicklung eines solchen Modells für die 3D-Haut-/Wundentwicklung. Dies wird allerdings komplementär zur Forschung am lebenden Objekt («in vivo») genutzt. Denn bei einem in vitro-Modell muss man genau wissen, was eingebaut werden muss. Wir suchen nach Faktoren, welche die Zellen ausscheiden. Wenn uns diese Information fehlt, können wir auch nicht «in vitro» modellieren. Hierfür brauch es einen lebendigen Organismus.

Die Schilderungen im Rahmen des Initiativtextes sind daher nicht korrekt. Aktuell können wir die in vivo-Experimente nicht ersetzen. Es finden zwar laufend neue Fortschritte für die in vitro-Modelle statt, was auch von grosser Wichtigkeit ist. Dennoch wäre es für mich ohne die in vivo-Arbeit an Mäusen praktisch unmöglich, das Ziel meiner Forschungsarbeit zu erreichen.

Dein Modellorganismus ist die Maus. Könntest Du kurz etwas über die Anforderungen an Tierversuche sowie die Haltung der Tiere sagen? (gesetzliche Regelung - keine unnützen Tierversuche) 

Generell benötigen die Forschenden für jeden Versuch an einer Maus, auch bei reinen Beobachtungsstudien, eine Lizenz. Diese wird von der Tierschutzbehörde des jeweiligen Kantons vergeben. In der Lizenz ist jeder einzelne Schritt über das Vorgehen (vor und nach dem Eingriff) sowie über den Umgang mit den Tieren im Detail beschrieben. Auch die Haltung und Beobachtung der Tiere nach dem eigentlichen Versuch ist in der Lizenz geregelt. Zu jedem Experiment gehört ein «Score Sheet». Dieses muss die Person, welche den Versuch durchführt, detailliert ausfüllen. Jegliche Nichteinhaltung der Lizenz ist ein Verstoss gegen das Gesetz und hat rechtliche Folgen.

Das Schweizer Tierschutzgesetz ist eines der strengsten in Europa und auch eines der wenigen mit einer gesetzlichen Verankerung der 3R-Prinzipien.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die Tierschutzbehörde in der Schweiz diese Bestimmungen sehr ernst nimmt. Obwohl ich früher in England bereits eine Tierlizenz hatte und dort auch schwerwiegendere Eingriffe an Mäusen vorgenommen hatte, musste ich, als ich in die Schweiz kam, den gesamten Kurs wiederholen. Die Tierschutzbehörde wollte sich selbst ein Bild über mein Wissen im Umgang mit den Tieren und über meine Kenntnisse des Schweizer Reglements machen.

Dies bringt mich auf einen weiteren Punkt der Initiative, mit welchem ich nicht einverstanden bin - dies ist die Schilderung der Forschung als Versuchs- und Irrtums-Ansatz. Dies stimmt absolut nicht. Wie oben bereits erwähnt, benötigen wir für jeden Versuch eine Lizenz, in welcher genau begründet werden muss, wieso dieser Versuch gemacht werden muss. Die Begründung muss «Hand und Fuss» haben und auf einer vorangehenden experimentellen oder klinischen Beobachtung beruhen.

Gibt es eine Erfolgsgeschichte/Erkenntnis, die Du besonders hervorheben würdest und die nur dank Versuchen an Mäusen überhaupt erst möglich wurde? Gibt es evtl. auch ein Beispiel in Bezug auf Deine Arbeit?

In meinem Forschungsbereich wurde von der Universität Zürich das Produkt «the personalized human skin grafts» entwickelt. Dieses wurde ursprünglich an Mäusen getestet, um zu prüfen, ob eine Abstossung oder eine Entzündungsreaktionen hervorgerufen wird. Das Produkt wird heute in der Klinik erfolgreich zur Behandlung von Verbrennungen eingesetzt.

Was würde ein "Ja" zum Verbot von Tierversuchen am 13. Februar 2022 konkret für Dich und andere Forschende bedeuten?

Ein «Ja» wäre schädlich für den Forschungsstandort Schweiz. Allgemein finde ich die Initiative viel zu radikal, weil nicht nur medizinische Versuche verboten werden sollen, sondern auch Versuche, bei denen den Tieren gar kein Leid zugefügt wird. Sollte die Initiative durchkommen, hätte das auch für die Landwirtschaft / Veterinärmedizin schwerwiegende Folgen, was auch unseren Haustieren schaden würde.

Für ein Land wie die Schweiz, das weltweit bekannt ist für die ausgezeichnete Gesundheitsversorgung, wäre dies also fatal. Ich persönlich müsste mir auch überlegen, ob ich überhaupt in einem Land leben möchte, welches keine Medikamente importieren kann, welche durch Forschung entstanden sind. Zudem könnte ich meine Forschungsinteressen ohne die in vivo-Experimente - komplementär zu den in vitro-Experimente - nicht weiterverfolgen.

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