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Janna Hastings, Professorin für «Medical Knowledge and Decision Support» (Brückenprofessur der Universität Zürich und der Universität St. Gallen)

Janna Hastings, Professorin für «Medical Knowledge and Decision Support» (Brückenprofessur der Universität Zürich und der Universität St. Gallen)

Die Computerwissenschaftlerin, und Psychologin Janna Hastings arbeite heute an der Schnittstelle zwischen dem, was Algorithmen leisten können, und dem, was Menschen benötigen, um diese Algorithmen optimal nutzen zu können. Sie ist am Übergang zwischen Menschen und Computern tätig und versucht, bessere «Verbindungen» zwischen beiden zu schaffen. Ihr Ziel ist, die Umsetzung und Integration von Erkenntnissen in die Klinik zu beschleunigen und sicherzustellen, dass der technologische Fortschritt mit den Bedürfnissen der Kliniker in Einklang gebracht wird.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Entwicklungen in Ihrem Forschungsgebiet in den nächsten Jahren?

Janna Hastings: Eine der wichtigsten Entwicklungen ist eine Verlagerung hin zu einer stärkeren Beteiligung der Patienten an ihrer eigenen Versorgung und - damit einhergehend – ein stärkerer Fokus auf Vorbeugung statt Heilung.

Aber wir stehen auch vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung, was die Gesundheitssysteme immer stärker unter Druck setzt. Künstliche Intelligenz (KI) könnte hier grosse Verbesserungen bringen; beispielsweise eine bessere und frühere Diagnose von Krankheiten, aber auch die Möglichkeit, dass Menschen länger in ihren eigenen vier Wänden bleiben und ihre Krankheiten mit Hilfe von Tools managen können.

In einem zukünftigen Schritt könnte die KI auch dazu beitragen, neue und bessere Behandlungsmethoden zu identifizieren. Dies würde aber eine Weiterentwicklung der Daten und Algorithmen erfordern.

 

Welchen Einfluss haben Daten ganz allgemein auf Ihre Arbeit?

Janna Hastings: Bei meiner Arbeit verwende ich grösstenteils Daten, die bereits öffentlich zugänglich sind. Ich arbeite zum Beispiel mit Daten von "Modellorganismen", um verschiedene Stoffwechselprozesse in unterschiedlichen biologischen Szenarien zu verstehen. Ich nutze aber auch biologische Datenbanken.

Für die translationale Forschung ist es jedoch manchmal erforderlich, Daten zu verwenden, die näher an den Patienten sind, d. h. mit identifizierenden Informationen wie dem Alter der Person oder bestimmten Gesundheitszuständen zu arbeiten. Hier kann die Datenverfügbarkeit manchmal schwierig sein, und es gibt viele Diskussionen darüber, wie der Schutz der Privatsphäre und der Nutzen für die Forschung gegeneinander abgewogen werden können. In meiner Forschung verwende ich diese Art von Daten nicht, aber viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brauchen Zugang zu solchen Daten, um daraus beispielsweise spezifische Therapien entwickeln zu können.

 

In der Schweiz sind viele Menschen zögerlich, wenn es um die Weitergabe ihrer medizinischen Daten geht. Wie könnten solche Bedenken aus dem Weg geräumt werden?

Janna Hastings: , Eine Lösung wäre, dass jede/r Einzelne das Eigentum an seinen Daten hat und dann von Fall zu Fall der Verwendung dieser Daten für die Forschung zustimmen kann. Viele Menschen sind gerne bereit, Daten weiterzugeben, wenn sie wissen, dass die Forschung am Ende zur Entwicklung einer besseren Behandlung beitragen könnte. Gegenwärtig ist jedoch die Verbindung zwischen dem, was in der Forschung geschieht, und den Menschen, die ihre Daten weitergeben, häufig nicht klar. Wenn ein Diskurs zwischen Forschung und Gesellschaft stattfindet und wir sicherstellen können, dass alle Ergebnisse kommuniziert werden, können wir mit der Zeit Vertrauen schaffen.

Ein weiteres Problem ist, dass selbst zwischen verschiedenen Ärztinnen und Ärzten nur sehr wenig Gesundheitsdaten ausgetauscht werden. Wenn Patienten verschiedene Ärztinnen und Ärzte aufsuchen, müssen dieselben Informationen häufig mehrmals angegeben werden, was für Patienten und Gesundheitsdienstleistende sehr frustrierend sein kann. Die gemeinsame Nutzung von Gesundheitsdaten könnte dieses Problem lösen - wir müssen also den Patienten helfen, die Vorteile der Weitergabe von Gesundheitsdaten zu verstehen.

Ausserdem ist es wichtig, dass unsere technische Infrastruktur sicher ist und wir die Sicherheit der geteilten Daten gewährleisten können.

 

Was erwarten Sie von der Politik hinsichtlich Rahmenbedingungen für die Forschung? 

Janna Hastings: Ich habe einige Anliegen hinsichtlich der politischen Rahmenbedingungen. Das grosse Thema, dass die Menschen bei Gesundheitsthemen mehr Verantwortung übernehmen müssen, die Idee der Prävention und jene der gemeinsamen Entscheidungsfindung im Gesundheitsbereich haben die Meinungen in der Öffentlichkeit gespalten – vor allem in Bezug auf die effektiven Anwendungen in der Praxis. Diese Meinungsverschiedenheiten spiegeln sich auch auf der politischen Ebene wider.

Ein Beispiel ist die Impfpflicht, die mit der Gesundheit auf gesellschaftlicher Ebene, aber auch mit der individuellen Verantwortung zu tun hat. Dieses Thema ist in einigen Ländern, auch in der Schweiz, sehr umstritten. Deshalb wünsche ich mir von der Politik, dass diese Spaltung durch mehr Dialog auf politischer Ebene überbrückt wird, um so auf eine Harmonisierung, statt auf eine Spaltung hinzuarbeiten.

 

Gibt es noch einen anderen Aspekt, den Sie gerne erwähnen möchten?

Janna Hastings: Wir haben viel über die Rolle der Patienten gesprochen, aber es ist es auch wichtig, die Rolle von Ärztinnen und Ärzten in der sich verändernden Gesundheitslandschaft zu beleuchten. Einige stehen der digitalen Transformation und der KI sehr positiv gegenüber, andere wiederum sind recht skeptisch. Wir dürfen auch diese Perspektiven nicht ignorieren und müssen die Bedenken angemessen berücksichtigen. Und wir sollten auch mit verschiedenen medizinischen Fachpersonen sprechen, nicht nur mit Ärztinnen und Ärzten, sondern beispielsweise auch mit Pflegefachpersonal. Andernfalls könnten wichtige Informationen übersehen werden, weil die Daten von jemandem erfasst wurden, der etwas weiter von der täglichen Versorgung entfernt ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine transparente Kommunikation in Bezug auf alle Aspekte von Gesundheitsdaten und die Zukunft der Gesundheitsversorgung von entscheidender Bedeutung ist.

Prof. Dr. Dr. Hans-Uwe Simon, Institut für Pharmakologie, Universität Bern

Prof. Isabelle Mansuy, Medical Faculty, University of Zurich & Department of Health Sciences and Technology, ETHZ

Prof. Dr. Michael Detmar, Institut für Pharmazeutische Wissenschaften, ETH Zürich

Prof. Dr. Renato Paro, D-BSSE, ETH Zürich und Faculty of Science, Universität Basel

Prof. Dr. Ruedi Aebersold, Institut für Molekulare Systembiologie, ETH und Universität Zürich

Effy Vayena, Institut für biomedizinische Ethik, Universität Zürich

Prof. Jacques Fellay, School of Life Sciences, EPFL

Prof Dr. Martin Fussenegger, Department of Biosystems Science and Engineering (D-BSSE), ETH Zurich in Basel

Prof. Dr. Viola Vogel, D-HEST, Labor für Angewandte Mechanobiologie, ETH Zürich

Prof. Dr. Dirk Schübeler, Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research, Basel

Prof. Dr. Denis Duboule, Institut für Genetik & Evolution, Universität Genf & Swiss Institute for Experimental Cancer Research, EPFL

Prof. Dr. Julia Vorholt, Institut für Mikrobiologie, ETH Zürich

Prof. Dr. Ueli Schibler, Departement Molekularbiologie, Universität Genf

Prof. Dr. Richard Benton, Center for Integrative Genomics, Universität Lausanne

Prof. Dr. Richard Smith, Institute of Plant Sciences der Universität Bern

Prof. Dr. Susan M. Gasser, Direktorin des Friedrich Miescher Instituts, Basel