Hoffnung gegen resistente Keime: Bakteriophagen als Antibiotika-Ersatz

Angesichts steigender Antibiotikaresistenzen rücken Bakteriophagen erneut in den Fokus. Moderne Gentechnologien wie CRISPR-Cas eröffnen neue Möglichkeiten, Phagen gezielt auf resistente Erreger anzupassen. Jetzt braucht es politischen Willen und klare Regeln, damit diese Therapie auch in der Schweiz sicher zum Einsatz kommen kann.

27. Januar 2026

Antibiotika haben die moderne Medizin revolutioniert. Doch immer häufiger wirken sie nicht mehr. Bakterien entwickeln Resistenzen, und Infektionen, die früher leicht zu behandeln waren, werden zu lebensbedrohlichen Krankheiten. Auch in der Schweiz leiden viele Menschen an chronischen, antibiotikaresistenten Infektionen. In manchen Fällen kann nur noch ein experimenteller Ansatz helfen: Die Phagentherapie. Obwohl dieser Ansatz schon seit einigen Jahrzehnten existiert, soll er nun wieder mehr in den Fokus rücken. Öffentliche Anlässe in der Schweiz sollen wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfahrungsberichte von Patientinnen und Patienten und politische Perspektiven zusammenzubringen.

Was sind Bakteriophagen?

Bakteriophagen, oder kurz Phagen, sind Viren, die gezielt Bakterien angreifen. Sie heften sich an die Oberfläche eines Bakteriums, infizieren es mit ihrem Erbgut und bringen es dazu, neue Phagen zu produzieren. Dadurch wird das Bakterium überlastet und platzt auf. Da Phagen sehr spezifisch wirken, sind sie interessant für ihren Einsatz in einer Antibiotika-Therapie. Sie infizieren und zerstören nämlich nur die Bakterienstämme, gegen die sie gerichtet sind, und lassen die übrigen, nützlichen Bakterien im Körper in Ruhe.

Phagen als Antibiotika-Ersatz?

Speziell im Kampf gegen multiresistente Keime gelten Phagen als eine grosse Hoffnung. Sie übernehmen dann, wenn selbst die stärksten Antibiotika versagen. Ein grosser Vorteil ist zudem ihre Anpassungsfähigkeit. Wenn Bakterien resistent werden, können auch Phagen weiterentwickelt oder neu kombiniert werden. Durch moderne Gentechnologie lassen sich Phagen gezielt verändern, um ihre Wirksamkeit zu erhöhen oder ihr Wirtspektrum zu erweitern. Forschende nutzen dabei Methoden wie die Genschere CRISPR-Cas, um Phagen so anzupassen, dass sie auch resistente Bakterienstämme effizient angreifen können. Solche gentechnisch optimierten Phagen gelten als vielversprechender Ansatz, um die Behandlungsmöglichkeiten bei multiresistenten Infektionen weiter zu verbessern.

In der Schweiz forschen Teams an der ETH Zürich, der Universität Lausanne und weiteren Instituten an Phagen, die gegen bestimmte Erreger wirken. Das enge Wirkspektrum der Phagen und der physisch begrenzte Platz, um neue Gene in der Phagenhülle unterzubringen stellen die Herausforderungen dar, die die Forschenden angehen müssen. Da es sich um Viren handelt, die als Medikament im Menschen zum Einsatz kommen sollen, ist eine weitere Hürde, ihre Zulassung, die zusammen mit den Behörden angegangen werden muss.

Zulassung in der Schweiz und im internationalen Vergleich

Offiziell ist die Phagentherapie in der Schweiz nicht zugelassen. Sie darf nur in Ausnahmefällen und unter strengen Auflagen von Swissmedic angewendet werden, meist als sogenannter Heilversuch. Da Phagen «lebende», also biologisch aktive Viren sind und keine Medikamente im klassischen Sinn, passen sie in keine bestehende Zulassungskategorie. Das führt dazu, dass Patientinnen und Patienten, die in anderen Ländern behandelt werden könnten, in der Schweiz oft keine Chance auf eine Phagentherapie haben. Fachleute fordern deshalb klare Regeln und mehr Flexibilität, um Betroffenen besser helfen zu können.

In Belgien wurde bereits ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der Phagenbehandlungen erlaubt. Dort dürfen seit 2018 Apotheken personalisierte Phagentherapien herstellen und einsetzen. Auch Frankreich und Deutschland führen klinische Studien durch und prüfen neue Zulassungswege. Ähnliche Ansätze verfolgen die USA mit individuellen Sonderzulassungen. So konnten Infektionen, die auf Antibiotika nicht mehr ansprachen, in vielen Fällen binnen weniger Tage eingedämmt werden. Diese internationalen Erfahrungen zeigen, dass Phagentherapien sicher und wirksam angewendet werden können, wenn die Regulierung angepasst wird.

Forschung, Politik und Öffentlichkeit im Gespräch

In der Schweiz wird das Projekt «Forum Phagentherapie» vom Agora-Programm des Schweizerischen Nationalfonds und dem Forum Genforschung der SCNAT unterstützt. Dazu wird am 31. Januar 2026 in Basel der erste von zwei öffentlichen Anlässen zum Thema Phagentherapie als Antibiotikaersatz stattfinden. Gefolgt wird dieser von einer zweiten Veranstaltung am 14. Februar 2026 in Lenzburg. Mit dabei sind Fachleute aus Medizin und Forschung, Vertreterinnen von Swissmedic, Patientinnen und Patienten sowie Nationalrat Christian Lohr. Diskutiert wird, wie die Schweiz den Zugang zu Phagentherapien verbessern und gleichzeitig Sicherheit und Qualität gewährleisten kann. (Hier können Sie sich anmelden)

Referenzen

1. Elois MA, Silva Rd, Pilati GVT, Rodríguez-Lázaro D, Fongaro G. Bacteriophages as Biotechnological Tools. Viruses. 2023; 15(2):349. doi: 10.3390/v15020349

2. Peng H, Chen IA, Qimron U. Engineering Phages to Fight Multidrug-Resistant Bacteria. Chem Rev. 2025 Jan 22;125(2):933-971. doi: 10.1021/acs.chemrev.4c00681.

3. Köhler, T., Luscher, A., Falconnet, L. et al. Personalized aerosolised bacteriophage treatment of a chronic lung infection due to multidrug-resistant Pseudomonas aeruginosa. Nat Commun 14, 3629 (2023). doi: 10.1038/s41467-023-39370-z

4. Alessa O, Aiba Y, Arbaah M, Hidaka Y, Watanabe S, Miyanaga K, Wannigama DL, Cui L. Synthetic and Functional Engineering of Bacteriophages: Approaches for Tailored Bactericidal, Diagnostic, and Delivery Platforms. Molecules. 2025; 30(15):3132. doi: 10.3390/molecules30153132

5. Lenneman BR, Fernbach J, Loessner MJ, Lu TK, Kilcher S. Enhancing phage therapy through synthetic biology and genome engineering. Curr Opin Biotechnol. 2021 Apr;68:151-159. doi: 10.1016/j.copbio.2020.11.003

6. https://www.srf.ch/wissen/gesundheit/heilende-viren-eine-alte-therapie-hilft-gegen-antibiotikaresistenzen (zuletzt abgerufen am 27. Januar 2026)

7. https://www.srf.ch/wissen/gesundheit/antibiotikaresistenz-bakteriophagen-sei-dank-patient-ueberlebt-in-genf (zuletzt abgerufen am 27. Januar 2026)

8. Swissmedic: Arzneimittel für neuartige Therapien (zuletzt abgerufen am 27. Januar 2026)

9. https://naturwissenschaften.ch/bacteriophages-explained (zuletzt abgerufen am 27. Januar 2026)

10. https://www.cureasthma.eu/euregulationphagetherapy (zuletzt abgerufen am 27. Januar 2026)

11. https://gmr.scholasticahq.com/article/117696-a-way-forward-for-phage-therapy-in-the-united-states (zuletzt abgerufen am 27. Januar 2026)

12. https://phagenforum.ch (zuletzt abgerufen am 27. Januar 2026)

(Bild: Google Gemini)